====> Aus der Geschichte Gramzows (1168-1714)
 
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Walter Bredendiek (1960)  

abgeschrieben und mit Fußnoten versehen von Hans-Otto Bredendiek (Juni 2006)  

Gramzow um 1710

Über die Geschichte Gramzows zu sprechen ist aus verschiedenen Gründen nicht ganz leicht. Der Ort besaß im Mittelalter zweifellos eine größerer Bedeutung, aber die Quellenlage für diese Zeit ist so ungünstig, daß man keine fortlaufende Reihe von Belegen hat, an die man sich bei der Darstellung halten könnte, sondern nur Einzelnachrichten, die miteinander zu verbinden oft recht kompliziert ist. Manche Angaben in den Quellen des 13. bis 15. Jahrhunderts widersprechen einander und wie von der einst imponierenden, die umliegende Landschaft beherrschenden Klosterkirche heute nur noch die Ruine vorhanden ist, so auch von dem früher vermutlich reiches Material bergenden Klosterarchiv nur noch beklagenswerte Reste. Sie befanden sich vor dem Kriege im Geheimen Staatsarchiv Berlin, im Staatsarchiv Stettin und im Stadtarchiv Prenzlau.  

Seit 1945 ist die Aufgabe für den Ortshistoriker noch schwieriger geworden. Die Bestände des Staatsarchivs in Stettin wurden durch Kriegseinwirkungen teils vernichtet, teils in alle Winde zerstreut. Ähnlich – wenn auch nicht ganz so betrüblich – verhält es sich mit den Urkunden und Akten, die bis 1945 im ehemaligen Geheimen Staatsarchiv lagerten (von ihnen wurde jedoch einiges für die Geschichte Gramzows wertvolle Material gerettet), es befindet sich heute teils im Zentralarchiv der DDR[1] in Merseburg, teils in Potsdam [2] ). Und schließlich ist das Prenzlauer Stadtarchiv [3] , das bedeutendste Stadtarchiv der ehemaligen Mark Brandenburg, dessen Bestände vor 1945 nach Goslar ausgelagert wurden, auch heute, mehr als 15 Jahre nach dem Kriege, noch nicht wieder benutzbar [4] .Wer über die Geschichte Gramzows arbeitet, ist also weitgehend auf gedruckte Quellen und auf die vor 1945 entstandene Sekundärliteratur angewiesen.  

Wenn auch keine, alle wesentlichen Gesichtspunkte berücksichtigende geschlossene Darstellung der Kloster- und Ortsgeschichte existiert, so gibt es doch einige wesentliche Bausteine dazu.          

            Als wichtige Literatur wäre zu nennen: der Artikel Gramzow von

Paul Eichholz und Otto Korn in den „Kunstdenkmälern des Kreises Angermünde“ (Berlin 1931) S. 269 ff.; Gustav Bischoff: Kloster Gramzow (Prenzlau 1910); ders.: Kloster Gramzow (in „Angermünder Heimatblätter“, 4. Jahrgang1925, Nr. 30, 32, 34, 38, 40, 42); ders.: Kloster Gramzow (im Heimatkalender für den Kreis Angermünde 1926, S. 82-86). Für die Gründungsgeschichte des Klosters ist wichtig F. Winter: Die Prämonstratenser des 12. Jahrhunderts und ihre Bedeutung für das nordöstliche Deutschland (Berlin 1865), S. 210 ff. Wertvolle Einzelangaben enthalten Riedel: Klöster und Klosterruinen in der Kurmark Brandenburg außerhalb der Altmark, Märk. Forsch. I (1841), S. 165 ff. Gramzow: S. 197 f; Berghaus: Landbuch der Mark Brandenburg II (1855), S. 307 ff.; E. Fedecin: Die Territorien der Mark Brandenburg IV (1864), S. 211 f.; Hoowege: Die Stifter und Klöster der Provinz Brandenburg, II (Stettin 1925); Carl Nagel: Die Dorfkirchen der Uckermark, Diss. Greifswald (Prenzlau 1914); Rudolf Ohle: Die Besiedlung der Uckermark und die Geschichte ihrer Dorfkirchen (in: Mitt. UMGV, V, 2; Prenzlau 1913); de la Pierre: Ausführliche Geschichte der Ukermark (Prenzlau 1847), Das Kloster zu Gramzow, S. 391 ff.  

Kirche in Gramzow

Als „Dorf mit einer Kirche“ wird Gramzow zum erstenmal in einer Bestätigungsurkunde des Bischofs Konrad I. von Cammin (Pomm. UB I 48/49) für das Kloster Grobe (das spätere Pudagla) auf der Insel Usedom erwähnt, die zwar 1168 datiert ist, aber in das Jahr 1178 gehört [5] . Grobe wurde damals als Besitz bestätigt „in provincia quoque Ucra villa Gramsowe cumm ecclesia et omnibus terminis ad ipsam villam quaquaversum pertinentibus“. Es ist dies die älteste Erwähnung einer uckermärkischen Landkirche überhaupt. Das Datum der Urkunde sagt aber nichts über das tatsächliche Alter des Ortes aus. Wenn 1178 bereits eine Kirche bestand, hat sich am Ort selbst sicher bereits schon 10 Jahre mindestens eine Missionarstation befunden. Erfahrungsgemäß wurden solche Stützpunkte der Mission im ostelbischen Gebiet meist dort errichtet, wo sich Zentren des slawischen Volks- und Wirtschaftsleben befanden. Scherbenfunde lassen die Vermutung zu, daß die Gegend um Gramzow vielleicht sogar schon vor Beginn der Völkerwanderung besiedelt war. Das möge dahingestellt bleiben. Sehr wahrscheinlich aber ist die bereits von Berghaus (II, 308) ausgesprochene Vermutung richtig, daß die Missionskirche am Ort einer alten slawischen Opferstätte errichtet wurde. Die Deutung des Namens Gramzow stützt diese Annahme. Die überzeugendste Ableitung ist die von dem slawischen Wortstamm c h r a m, die Bezeichnung für einen der Gottesverehrung geweihten Platz [6] . Alle sonst angebotenen Etymologien – etwa die Ableitung von grom (Donner) und gram (spielen), auch die Kombination mit dem polnischen grzaski (morastig), ganz zu schweigen von dem phantastischen Versuch, den Riehl und Scheu in „Berlin und die Mark Brandenburg“ unternahmen, die grams-au als „Grenzauge“ deuten – haben etwas Gewaltsames und Gekünsteltes.  

Ich halte es für sicher, daß der Ort als Siedlung bereits lange vor der Christianisierung der Uckermark bestanden hat. Allerdings ist mir die in der Literatur bisher allgemein vertretene These, daß die 1178 erwähnte Kirche nichts als ein Missionsstützpunkt gewesen sei, doch fraglich. Ein fester Kirchenbau läßt natürlich auch die Annahme zu, daß das Gebiet bereits etwas gründlicher christianisiert worden war. Hinzu kommt, daß der Kirchenturm sehr massiv befestigt wurde, so daß er durchaus auch Verteidigungszwecken dienen könnte. Man kann sich davon noch heute überzeugen. Während nämlich die Kirche im Dreißigjährigen Kriege zerstört wurde, blieb der Turm erhalten, er stammt noch aus der Zeit vor 1178. Zum besseren Verständnis dieser Fragen dürfte eine kurze Bemerkung zur allgemeinen Situation der Uckermark im 12. Jahrhundert, insbesondere zu ihrer Stellung als Grenzland zwischen Pommern und Brandenburg, beitragen.

  Seit 1107 gehörte die Uckermark zu Pommern. Die sogenannte deutsche Ostkolonisation war damals bereits über die Elbe bis nach Havelberg und Brandenburg vorgetragen worden. Magdeburg und Havelberg waren die Bistümer und weit im Osten hatte das Christentum durch die Errichtung des Erzbistums Gnesen bereits 100 Jahre vorher Fuß gefaßt. 1124 unternahm Otto von Bamberg seine erste Missionsreise nach Pommern, die trotz einiger Resonanz in Stettin und Demmin alles in allem doch ein Mißerfolg wurde. Ganz anders die zweite Missionsreise von 1128, die eine durchgreifende Christianisierung Pommerns einleitete. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen auf die Gründe für diesen raschen Wandel einzugehen. Christianisierung eines osteuropäischen Landes im Mittelalter bedeutete zunächst meist nicht viel mehr, als das die Fürsten und der einheimische Adel sich taufen ließen, weil sie den Anschluß an den germanisch-romanischen Rechts- und Kulturkreis suchten, vor allem um als Völkerrechtssubjekt anerkannt zu werden und um die von ihnen beherrschten Gebiete aus dem Status des Eroberungsobjekts und des Niemandslandes herauszuheben. Die „Christianisierung“ des Volkes war danach dann kaum noch viel mehr als ein Verwaltungsakt.  

Für die pommerschen Herzöge war es im 12. Jahrhundert nun aber zu einer Frage von Leben und Tod geworden, Anschluß an die christlichen Staaten West- und Osteuropas zu gewinnen, wenn sie nicht – von beiden in die Zange genommen – das Schicksal der westslawischen Stämme zwischen Elbe und Oder erleiden wollten, die mit wildem Kreuzzugsfanatismus bekämpft worden waren. So schwur denn auch Herzog Ratibor 1149 in Havelberg, nicht nur selbst dem Christentum treu zu bleiben, sondern auch mit allen Kräften für seine Ausbreitung zu sorgen. Dieses Versprechen konnte lediglich in dem im Südwesten an Pommern angrenzenden Gebiet erfüllt werden, das damals noch eine nichtchristliche Enklave bildete.  

Bereits kurz nach 1150 wurde das Kloster Grobe gegründet, das erste oder zweite Kloster in Pommern überhaupt. Es wurde zunächst mit Mönchen aus Berge bei Magdeburg besetzt. Aber die von ihm aus betriebene Mission geriet bald ins Stocken. Die pommerschen Herzöge hatten sich mehr zugemutet, als sie angesichts ihrer äußerst prekären innen- und außenpolitischen Situation zu leisten vermochten. Die Mönche scheinen Grobe bald wieder verlassen zu haben, denn 1177 kam es zu einer förmlichen Neugründung. Damals dürfte auch Gramzow dem Klosterbesitz von Grobe zugeschlagen worden sein. Jetzt wird das Kloster von Havelberg aus besetzt, wo sich seit 1144 ein Prämonstratenserstift befand. In einer neuerlichen Bestätigung des Grobeschen Besitzes durch Papst Alexander III. aus dem Jahre 1179 erschein Gramzow nicht mehr. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es inzwischen selbst zu einem Kloster erhoben worden war. Die Gründung erfolgte vermutlich 1178/79, auf jeden Fall zwischen 1178 und 1187, da alle zeitgenössischen und späteren Urkunden darin übereinstimmen, daß das Kloster in Gramzow von Herzog Bogislaw I. gestiftet worden ist.  

Aber auch hier lief die Entwicklung zunächst nicht viel anders als 30 Jahre zuvor in Grobe: Auch hier bedeutete die Stiftung des Klosters noch nicht, daß nun gleich seine Errichtung erfolgen konnte. Grobe sollte das neugegründete Filialkloster in Gramzow mit Mönchen besetzen, war aber noch viel zu ungefestigt, um so bald nach seiner eigenen Neugründung Mönche abgeben zu können. So scheiterte der Versuch, Ende des 12. Jahrhunderts, in Gramzow ein Kloster neu zu errichten. Danach scheint das ganze Projekt noch einmal für etwa 25 Jahre liegengeblieben zu sein. Jedenfalls sorgte erst 1216 Bogislaw II., der Sohn und Nachfolger des Stifters, für die definitive Besetzung des Klosters Gramzow mit Mönchen. Sie kamen aus Jerichow, das sehr viel eher in der Lage war, Mönche an eine Neugründung zu überweisen, als das immer schwach gebliebene Grobe.  

Wenn von Klöstern des Mittelalters die Rede ist, denkt man dabei unwillkürlich zunächst an die berühmten französischen und italienischen west- und südwestdeutschen Abteien etwa an Cluny, Montecassino oder St. Gallen mit ihrer großartigen Geistlichkeit und ihrer kaum zu überschätzenden kulturellen Ausstrahlungs- und Prägekraft. Von solchen Vorstellungen muß man sich bei den Klöstern des ostdeutschen Kolonisationsgebietes frei machen. Mag sich auch in ihnen der eine oder andere Mann befunden haben, der gelehrt und gebildet war, die Masse der Mönche war es zweifellos nicht. Diese Mönche gehörten nicht zu den Trägern und Bewahrern intellektueller Werte, die – wie man auch über die zahlreichen Bilderstürme zwischen 800 und 1200 denken mag – in West- und Südeuropa eine bestimmte Mittlerrolle zwischen der antiken Hochkultur des mittelalterlichen Europas spielten. Die Mönche in Ostdeutschland waren Bauern und Handwerker, Kolonisatoren im eigentlichen Sinne des Wortes. Und wenn sie es nicht waren, so wurden sie es, mußten es werden. Sie hatten es mit den einfachen Menschen des Volkes zu tun, nicht mit Eliten. Das ist in keiner Weise abwertend gemeint, im Gegenteil: Die volkspädagogische Funktion die den Klöstern in Ostdeutschland zufiel, war aufs ganze gesehen ebenso bedeutsam wie das, was in den Klosterschulen gedacht und geschrieben wurde.  

Die typischen Mönchsorden der ostdeutschen Kolonisationsgebiete waren die Prämonstratenser und die Zisterzienser. Gramzow ist die Gründung der Prämonstratenser. Der Orden war 1120 durch Norbert, einen Sohn des Grafen Herbert von Gennep, gegründet worden. Norbert war ein recht weltlicher Hofkaplan Kaiser Heinrich VII. gewesen, die Legende berichtet, daß er nach einer wunderbaren Rettung aus Todesgefahr auf seine reichen Einkünfte verzichtete und als Bußprediger in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden umherzuziehen begann. Im Walde bei Concy in Frankreich, (in der Nähe von Lacon) sammelte er seine Schüler auf einer ihm im Traum gezeigten Wiese, pratum monstratum.  Davon ist der Name des von Norbert gegründeten Klosters – Prémontré – abgeleitet. Es wurde nach der Regel der Augustiner eingerichtet, doch erhielt diese einige Abweichungen und Verschärfungen. In Deutschland wurden die Prämonstratenser besonders von den Kaisern und Fürsten gefördert, die eine expansive Politik gegenüber dem slawischen Osten verfolgten, so von Lothar von Supplinburg und Albrecht dem Bären. (Albrechts 3. Sohn Siegfried trat selbst in den Prämonstratenserorden ein, er wurde später Bischof von Brandenburg und Erzbischof von Bremen.) Aber auch diejenigen slawischen Fürsten, die sich selbst aktiv an der Germanisierung ihrer Länder beteiligten, unter ihnen befanden sich die pommerschen Herzöge, waren sehr an Prämonstratensern interessiert. Sie brachten aus Westeuropa rationellere Ackerbaumethoden mit, hatten Erfahrung bei der Kultivierung von waldreichen und sumpfigen Gebieten und zeichneten sich vor allem durch eine sehr straffe Arbeitsdisziplin aus: das Sprechen bei der Arbeit war entweder völlig verboten oder auf ein Minimum beschränkt.  

Nach der Neubesetzung des Kloster Gramzow durch Bogislaw II. dauerte es nun zehn Jahre, bis die Klosterkirche 1235 als Granitbau errichtet war. Die Backsteinkirche, von der heute noch die Ruine zeugt, wurde erst zwischen 1355 und 1365 gebaut. In Norddeutschland war der Übergang vom starren Granitbau zu der viel ausdrucksfähigeren Backsteintechnik im größerem Umfang Ende des 13. Jahrhunderts eingeleitet worden. Kurz nach 1300 stellte sich Prenzlau mit der Marienkirche an die Spitze dieser Bewegung und so wie dort ein älterer Granitbau der großartigen Backsteinkirche weichen mußte, so wurde auch in Gramzow der Granitbau abgerissen und eine Backsteinkirche errichtet.  

Das Kloster Gramzow begann sich in der Zeit zu festigen und zu entwickeln, als langwierige kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Brandenburg und Pommern um den Besitz der Uckermark ihren Anfang nahmen. Während dieser Kämpfe lavierten die Mönche – geschickt und nicht ohne Erfolg – zwischen den streitenden Parteien. Ohne die bestehenden Verbindungen zu den Greifenherzögen abzubrechen, bahnten die Gramzower Pröpste bereits wenige Jahre nach der Errichtung des Klosters vorsichtig Beziehungen zu den brandenburgischen Herrschern an. 1245 begaben sie sich unter den Schutz der Markgrafen Johann I. und Otto III. von Brandenburg und übertrugen ihnen die Vogtei (advocatia) ihres Klosters.  

Die am 7. Januar 1245 in Liebenwalde ausgestellte Urkunde enthält einige recht aufschlußreiche Bemerkungen über die damalige Situation des Klosters und der umliegenden Gebiete. Gramzow sei „in der größten Einöde“ angelegt und mit viel Mühe und Arbeit errichtet und ausgebaut worden. In der jüngsten Vergangenheit aber seien der Ort und das Kloster „von Gottlosen und Räubern ebenso wie die ganze Landschaft durch Raub“ zerstört worden. Die Mönche seien nicht in der Lage dagegen Widerstand zu leisten zumal – das ist eine besonders interessante Bemerkung – ihre „Freunde selbst zu Feinden geworden“ wären. (Auf wen sich das bezieht, ist nicht klar, möglicherweise auf die pommerschen Adligen.) „Niedergeschlagen in ihrem Gemüte“ wüßten sie daher keinen anderen, der ihnen helfen und sie gegen ihre Feinde schützen könnte, als die Markgrafen Johann und Otto. Die Markgrafen sicherten diesen Schutz zu.  

Aber auch nach dieser Annäherung an Brandenburg blieben die Beziehungen freundlich. Noch 1289 gewährten die Herzöge Gramzow Steuer- und Zollfreiheit und bestätigten ihm seinen großen pommerschen Besitz.  

Über die Besitzgeschichte selbst sind die Nachrichten lückenhaft, es steht aber so viel fest, daß schon in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens das Kloster beträchtliche Liegenschaften und Rechte in Pommern besaß. Aus späteren Bestätigungsurkunden, die Bogislaw IV., Barnim II. und Otto I. ausstellten, ergibt sich, daß bereits im 13. und 14. Jahrhundert die Dörfer Radewitz, Grünz, Blumberg, Scherpingsdorf und halb Petershagen im Kreise Randow Klosterbesitz waren, im Kreise Pyritz die Dörfer Loist, Beyersdorf und Marienwerder. Später wurde der große pommersche Besitz, der 1524 noch eine letzte Generalbestätigung erhielt, weiter verlehnt (u.a. an die v. d. Schulenburg-Löcknitz, v. Sydow-Blumberg und an die Stadt Pyritz), während der brandenburgische Besitz des Klosters in eigener Regie bewirtschaftet wurde. Zur Reformationszeit bestand dieser Besitz in der unmittelbaren Umgebung des Klosters aus einem geschlossenen Gebiet, da Gramzow, Briest, Fredersdorf, Meichow, Melzow, sowie Teile von Lützlow und Weselitz umfaßte. Im Osten schloß sich unmittelbar der pommersche Besitz jenseits der Randow an (Blumberg), doch blieb dieser immer unter der Oberlehnsherrschaft der Stettiner Herzöge, so daß er nach der Aufhebung des Klosters nicht an Brandenburg sondern an Pommern fiel.  

Das berühmte Landbuch Kaiser Karls IV. (1375), diese einzigartige Quelle für die Geschichte der Mark Brandenburg im Mittelalter, enthält leider keine den Ort Gramzow betreffende Angaben – etwa über Besitzverhältnisse, Hufenanzahl, Einkünfte usw. –  , konnte sie nicht enthalten, denn zwischen 1354 und 1447 (1468) gehörte das Kloster mit „syme gantzen eygen“ noch einmal auch staatsrechtlich zu Pommern. In dieser Zeit war Gramzow als Grenzort – anders als die 100 Jahre zuvor – häufig Kampfgebiet und hatte schwer zu leiden. Durch den Vertrag von Mühlhausen (1447) wurde Ort und Kloster dem Kurfürsten Friedrich v. Hohenzollern zugesprochen, aber erst 1468 kehrten sie tatsächlich unter die brandenburgische Botmäßigkeit zurück; das Kloster huldigte dem Kurfürsten ein Jahr später.  

Seiner geistlichen Stellung nach gehörte Kloster Gramzow formal zwar zur Diözese des Bischofs von Cammin, doch unterhielt es dorthin keine sehr engen Beziehungen, wenn es natürlich auch zu den üblichen Abgaben – Bischofszehnt, Hufengeld und Prokuration – verpflichtet war. Viel stärker war von Anfang an die Verbindung zu den leitenden Instanzen des Prämonstratenserordens. Für alle Klöster des Ordens bildete zwar der Probst des Klosters Prémontré, der den Titel General führte, zusammen mit drei anderen französischen Pröpsten den hohen Rat der Väter des Ordens. Aber infolge der Erhebung Norberts zum Erzbischof von Magdeburg gewann die sächsische Prämonstratenserprovinz, zu der Gramzow gehörte, frühzeitig eine Ausnahmestellung und machte sich in der Folgezeit nicht nur faktisch sondern auch juristisch vom Ordensgeneral im Prémontré unabhängig. 1295 erklärte sich die Magdeburger Provinz des Prämonstratenserordens, zu der 16 Klöster gehörten, für exemt. Dieser Schritt wurde durch ein päpstliches Privileg bestätigt und die Provinz der Kurie unmittelbar unterstellt. Der Grund für diesen Beschluß war einleuchtend und vernünftig: das Abhängigkeitsverhältnis der märkischen und pommerschen Klöster von Prémontré und Magdeburg hatten viele Streitigkeiten mit den Bischöfen verursacht, in deren Stiftssprengel die Klöster sich befanden. Durch die päpstliche Entscheidung waren die Zuständigkeiten nun klar. Während zunächst die Pröpste sämtlicher Prämonstratenserklöster Europas alle drei Jahre zum Generalkapitel nach Prémontré zu reisen hatten, wurde diese Bestimmung 1240 dahingehend geändert, daß von sämtlichen Pröpsten des Magdeburger Bezirks immer nur einer die umständliche und schwierige Reise zu machen brauchte. Nach 1295 wurde dann in Magdeburg selbst alle drei Jahre Generalkapitel abgehalten, auf dem Gramzow Sitz und Stimme hatte.  

Es ist wohl unbestreitbar, daß Gramzow von den uckermärkischen Klöstern das angesehenste und mächtigste war, wenn natürlich auch die Begriffe „Macht“ und „Ansehen“ relativ und unter Berücksichtigung der gesamten ostdeutschen Situation zu verstehen sind. Beginnend im 14., verstärkt dann im 15. Jahrhundert wurden den Pröpsten des Klosters wichtige Schlichtungs- und Verwaltungsfunktionen übertragen, sei es direkt vom Papst, sei es von den Bischöfen von Cammin und den Erzbischöfen von Magdeburg. Beispielsweise beauftragte der Papst 1448 den Propst Johann mit der Bestätigung des Elisabeth-Hospitals zu Prenzlau, 1439 betätigte sich der gleiche Propst im Auftrage des Baseler Konzils als Richter in einer komplizierten Streitsache zwischen einem Prenzlauer Bürger und dem Rat der Stadt. Mehrfach traten Gramzower Pröpste als Schützer anderer Klöster und als Schiedsrichter auf. Im Jahre 1399 soll der Papst dem Kloster Gramzow ein Konversatorium, eine Akademie für kunstreichen Kirchengesang „geschenkt“ haben (Riehl/Scheu, S. 286), doch ist diese Nachricht urkundlich nicht zu belegen. Fest steht aber, daß das Kloster ein Siechenhaus besaß, für das 1490 eine Stiftung gemacht wurde.  

Das Kloster war der Maria und dem Apostel und Evangelisten Johannes geweiht, das Konventssiegel zeigt eine thronende Maria mit dem Kinde. Auf dem besternten Hintergrund schwebt zu ihrer Rechten ihr Symbol, die Mondsichel, zu ihrer Linken der Kopf eines Adlers mit Nimbus, das Symbol des Johannes. (Das seit 1941 in Gebrauch befindliche Gramzower Kirchensiegel ist eine Nachbildung dieses alten Konventsiegels.)  

Über die innere Verfassung des Klosters gibt es nur sehr spärliche Nachrichten. An seiner Spitze stand – wie in allen Prämonstratenserklöstern – ein Propst; dem Gramzower Propst war ein Prior zugeteilt, beide wurden vom Konvent gewählt. Die anderen Klöster der Mark zuweilen nachweisbare Praxis, daß sich der Stifter des Klosters die Besetzung mit einem Propst aus seiner Familie oder aus seinen Familiennachkommen vorbehielt, wurde in Gramzow nicht angewandt. Auch über die ständische Gliederung der Angehörigen des Konvents ist nichts Näheres bekannt. Mit Familiennamen kennen wir nur vier Pröpste: Johannes Westfal (1468/69), Petrus Woldenberch (1495), Andreas Hake (Hack) (1498/1517) und Johannes Loytze (Lotzen) (1530/36). Loytze war der letzte Propst von Gramzow, er blieb katholisch und starb 1540.  

Ob in Gramzow, wie in anderen Prämonstratenserklöstern, anfangs ein Doppelkonvent aus Mönchen und Nonnen bestanden hat, läßt sich, da jede urkundliche Nachricht darüber fehlt, nicht mit letzter Sicherheit entscheiden, ist aber wahrscheinlich: einmal war dies die allgemein übliche Praxis, zum anderen läßt die Nähe des Klosters Seehausen den Schluß zu, daß von diesem der später abgesonderte Frauenkonvent aufgenommen worden ist.  

Mit der Festigung des Klosters ging die Entwicklung des Ortes Gramzow Hand in Hand. Die Besiedlung vollzog sich so, wie das in der Uckermark auch sonst geschah. Über diese Probleme unterrichtet die gründliche Arbeit von Kurt Bruns-Wüstenfeld: „Die Uckermark in slawischer Zeit, ihre Kolonisation und Germanisierung“ (Arbeiten UMGV, Heft 5, Prenzlau 1919). Die Kolonisationsbewegung ereichte die Uckermark erst in den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts, infolge des schwer passierbaren Sumpf- und Waldgürtels im Westen und Süden erheblich später als andere Teile der Mark Brandenburg. Bis dahin war die Uckermark ein rein slawisches Land. Die deutschen Siedler, die im Klosteramtsbereich Gramzow die slawischen Einwohner wohl mehr unterwanderten und assimilierten als verdrängten, dürften in der Hauptsache aus Flandern, Seeland und dem nordwestdeutschen Raum gekommen sein, aus Niedersachsen und vor allem wohl aus Schleswig-Holstein das seit der großen Sturmflutkatastrophe von 1164, jahrzehntelang Siedler für die ostelbischen Gebiete stellte.  

Diese Siedler wurden zu einem sehr günstigen Recht angesetzt. Sie waren persönlich frei und nur dem Landesherrn gegenüber zu sachlichen und persönlichen Dienstleistungen verpflichtet. (Die sachlichen Leistungen bestanden in der Entrichtung von Pacht und Abgaben für die Überlassung des Hofes, die persönlichen u.a. in Vorspanndiensten während des Krieges und bei Reisen landesherrlicher Beamter, in Spanndiensten beim Bau von Burgen, Wegen und Brücken.) Die Bauern konnten nur von Richtern ihres eigenen Standes abgeurteilt werden. Die Höfe waren in der Regel eine Hufe (zwischen 30 und 60 Morgen) groß, in keinem Falle größer als zwei Hufen. Sie waren freies Erbe, das vom Vater auf den Sohn überging und auch verkauft werden konnte. Da an ihnen jedoch ein Obereigentum des Landesherren bestand, durften die Höfe nicht belastet und auch nicht geteilt werden. Doch konnte der Bauer sein „Gut auf den Zaun stecken“ auch wenn der Herr den Hof nicht annehmen wollte und mit seiner beweglichen Habe seinen bisherigen Wohnort verlassen. Daß dieses sehr weitgehende Recht bestand, ergibt sich einwandfrei aus einer Entscheidung des Landgerichts in Prenzlau vom Jahre 1383.  

Unter den Bauern dürften Deutsche und Slawen gewesen sein, jedenfalls in einigen Teilen der Uckermark und ganz sicher im Bereich des Klosters Gramzow. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erscheinen slawische Namen nicht nur unter den Kossäten, sondern auch unter den Bauern in Gramzow, z.B. 1592 Chun Hundertmargk unter den Bauern, die Familien Dames, Völtzke, Bagemeil, Priedack, und Gutzsche unter den Kossäten. Die Kossäten waren wohl fast durchweg Nachkommen der Wenden. Ihr Rechtsstatus war wesentlich ungünstiger als der der Bauern. Sie waren unfrei und durften der Hof nur verlassen, wenn Sie einen Ersatzmann stellten. Sie hatten die Nutzung einiger Ackerstücke, die sie ohne Gespann bearbeiteten. Sie waren, wenn man so will, das ländliche Proletariat im frühen Mittelalter.  

Das war – sehr grob und schematisch dargestellt – der ursprüngliche Zustand. Er wurde dadurch kompliziert und bald auch verändert, daß in den meisten Dörfern neben Bauern und Kossäten auch ein oder mehrere Ritter wohnten. Ursprünglich war der Ritterhof nicht viel größer als ein Bauernhof, auch die Lebenshaltung der Bauern und der Ritter wich wenig voneinander ab. Da der Ritter jedoch durch seine Verpflichtung Lehnspferde zu stellen, bei den ständigen Kriegen im 14. und 15. Jahrhundert zu einer unentbehrlichen Stütze der Fürsten wurde, erhöhte sich nicht nur sein soziales Prestige, sondern bildete sich auch ein starkes wirtschaftliches Übergewicht heraus. Um seine Kriege und die immer kostspieliger werdenden Hofhaltung finanzieren zu können, verpfändete der Landesherr die ihm zustehenden bäuerlichen Abgaben an wohlhabende Ritter. Später brachten diese auch staatshoheitliche Rechte – etwa die Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt – in ihre Hand. Daraus entwickelte sich die Anschauung und bald auch das Gewohnheitsrecht, daß der Ritter der eigentliche Grundherr sei, dem der Bauer von Rechts wegen Dienste und Abgaben zu leisten habe. Die Kriege und große Seuchen ließen auch in der Uckermark weite Landstriche veröden, die wüsten Höfe schlugen die Ritter ihren eigenen Hufen zu. Bald gingen sie auch zum systematischen Bauernlegen über, wodurch ihre wirtschaftliche Machtstellung noch weiter gefestigt wurde.  

Dieser Prozeß begann bald nach der Kolonisation, bereits Anfang des 15. Jahrhunderts waren große Gutsflächen entstanden. Um deren Bewirtschaftung zu gewährleisten, wurden die Rechte der Bauern wesentlich beschränkt: ihre Freizügigkeit wurde aufgehoben, Frondienste erzwungen, die Schollengebundenheit setzte sich durch, bald waren auch Heiratsgenehmigungen des Ritters erforderlich. So waren der freie Bauer zum schollengebundenen, dem Gutsherrn erbuntertänigen Hintersassen, der einst freie Bauernhof zu einem Bestandteil des Rittergutes und der Gutsherr selbst zum Obereigentümer des Bauernlandes geworden. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war dieser Prozeß abgeschlossen, damals sprach der brandenburgische Kanzler Diestelmayer in der von ihm ausgearbeiteten Landesordnung bereits davon, daß der märkische Bauer nur lassitischen Besitz habe. Zwar bestand wohl kaum irgendwo wirkliche Leibeigenschaft (die durch die Gebundenheit des Bauern an die Person des Herrn und durch die Unfähigkeit gekennzeichnet ist, bewegliches und unbewegliches Vermögen zu erwerben), doch kam die Abhängigkeit der uckermärkischen Bauern stark an die Leibeigenschaft heran.  

Das alles hatte nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch eine Veränderung der bäuerlichen Mentalität zur Folge. Durch die sich ständig verschärfende Ausbeutung bildeten sich jene Züge im Charakterbild des Bauern heraus, die in vielen Liedern, Schwänken und Fastnachtspielen des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit dem Spott aller anderen Volksschichten preisgegeben wurden. Aber: der Bauer mußte roh, ungeschliffen und verschlagen werden, wenn er die auf ihm lastende Bedrückung wenigstens ab und an einmal sozusagen unterlaufen wollte.  

Diese Entwicklung war für alle Teile der Uckermark typisch, allerdings nicht für die Dörfer, die Klosterbesitz waren, also auch nicht für das Klosteramt Gramzow. Zwar verschlechterte sich die Rechtslage der Bauern in den 300 Jahren zwischen Gründung und der Aufhebung des Klosters auch hier, doch ist diese Rechtsminderung überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was sich in derselben Zeit in den Dörfern mit Rittersitzen abspielte. Das bekannte Wort „Unter dem Krummstab ist gut wohnen“, dieser Stoßseufzer der Erleichterung jener Bauern, die nicht von den Rittern abhängig waren, ist wohlbegründet und läßt sich auch auf den bäuerlichen Lebenszuschnitt im Gebiet des Klosters Gramzow anwenden.  

Über die Wirtschaft des Klosters gibt es keine Quellen aus der Zeit vor seiner Aufhebung. Das Erbregister von 1592, eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte Gramzows (ehem. GStA. Pr. Br., Rep. 2,1. Dom. Reg. Amt Gramzow, Fach IV, Nr. 1), gibt aber wohl im wesentlichen den Zustand an, der auch vor der Reformation bestand. In den zum Kloster gehörenden Dörfer und Höfen wurden 280 Stück Rindvieh, 2200 Schafe, 10 Schock Schweine und Geflügel nach Bedarf gehalten. Neben dem üblichen Getreide wurden Erbsen, Lein, Hanf und Buchweizen angebaut. Dem Amt gehörten zwei Mühlen, die Rode- (heute Rote) und die Passower Mühle, 15 Seen und Waldungen, der Zehnebeck östlich und der Ratzeburg westlich vom Kloster, die Melzowsche Heide und die Rodeberge bei der Rodemühle.  

Zum Amt gehörten 66 Bauern und 52 Kossäten, von ihnen wohnten in Gramzow 15 Bauern und 15 Kossäten, in Meichow 14 (und 13), in Briest 18 (und 6), in Fredersdorf 11 (und 6), in Melzow 3 (und 10), in Lützlow 4 (und 2) und in Grünz ein Bauer. Die Geldeinnahmen des Amtes betrugen jährlich 267 Taler, 14 Silbergroschen und 10 ½ Pfennige an stehenden Zinsen, ferner erhielt es 15 Tonnen Krugbier, den Fleischzehnt und einige anderer Naturalpacht.  

Im letzten Jahrhundert vor der Reformation war auch im Gramzower Kloster ein Verfall der ursprünglich strengen Ordenszucht der Prämonstratenser unverkennbar. Die Pröpste führten sich z.T. wie Raubritter auf, brachen Fehden vom Zaun (u.a. mit der Stadt Prenzlau), wurden gefangen genommen, in „hölzerne und eiserne Banden“ gelegt – kurzum, es bot sich in dieser Zeit ein wenig erfreuliches Bild. Die Kolonisation war beendet, die Abgaben der Bauern ermöglichten den Mönchen ein wenn auch nicht gerade üppiges, so doch gut auskömmliches Leben, andererseits waren die Voraussetzungen für eine schöpferische wissenschaftliche Arbeit in diesem Teile Deutschlands sehr ungünstig. Alles dies führte zu starken inneren Auflösungserscheinungen. Wer im 12. und 13. Jahrhundert in den Prämonstratenserorden eintrat, hatte weder Ruhm noch Ehre, weder Muße noch auch nur eine leidlich gesicherte Existenz zu erwarten, sondern nur harte Arbeit, eiserne Disziplin und häufig genug den Tod von der Hand derer, die sich der deutschen Expansion widersetzten. Man mußte fest an die Sache glauben, in deren Dienst man sein Leben stellt, um das alles auf sich zu nehmen. Im 15. und 16. Jahrhundert dagegen waren die Klöster auch in der Mark Brandenburg weithin zu Versorgungsinstituten geworden, die für dynamische und aktive Naturen nichts Anziehendes mehr hatten, dafür aber immer häufiger zweifelhaften Existenzen Unterschlupf und ein recht gutes Leben ohne viel Anstrengung boten.  

In den Städten wurde die Aufhebung der Klöster durch die protestantischen Landesfürsten lebhaft begrüßt, die Reaktion in den ländlichen Gebieten, also auch in der Uckermark, dürfte wesentlich anders gewesen sein. Ob die Mönche zuchtvoll lebten oder nicht, war den Bauern ziemlich gleichgültig. Sie hatten ständig das Schicksal ihrer Klassengenossen in den Gutsdörfern vor Augen und konnten damit ihre eigene, bessere Situation vergleichen. Sie mußten fürchten, daß, gingen die Mönche, sie auf einen ähnlichen Status absinken würden, wie es der der „adligen“ Bauern war.  

Blick über den Kantorsee zum ehemaligen Kloster

Wie dem auch gewesen sein möge: Im Jahre 1539 wurde Kurfürst Joachim II. lutherisch, die Hoffnung, sich den reichen Besitz der märkischen Klöster aneignen zu können, hat diesen Entschluß zweifellos erheblich gefördert. Damit war die Reformation in der Mark Brandenburg endgültig durchgesetzt. Schon 1536 hatte der Kurfürst den Landvogt der Uckermark, Hans v. Arnim, beauftragt, das Gramzower Klostergut aufzunehmen. Arnim stellte den Besitz des Klosters an den Kostbarkeiten fest (u.a. wertvolle Kannen, Kreuze und Weihrauchgefäße, 10 vergoldete Kelche, 3 silberne Kelche und ein silbernes Marienbild) und bereitete alles zur Beschlagnahme vor. Am 1. Weihnachtstage des Jahres 1537 wurde Hans v. Arnim zum Hauptmann der Klostergüter bestellt. Die Mönche, die nicht auswandern oder protestantisch werden wollten, durften den Rest ihres Lebens im Kloster verbringen. Allerdings machten von dieser Möglichkeit nur wenige Gebrauch, die meisten scheinen evangelische Pfarrer geworden zu sein.  

1564 trat an Arnims stelle Georg v. Lindstedt, 1580 war Hans v. Thermo Hauptmann, 1581-1621 Bernd v. Arnim. Dieser legte 1592 das bereits erwähnte Erbregister der Klosterämter Gramzow und Seehausen an, die damals zu  e i n e m kurfürstlichen Amte zusammengelegt wurden (Seehausen ist 1664 wieder abgetrennt und dem Joachimsthalschen Gymnasium als Schulamt überwiesen worden). Die Amtszeit Bernd v. Arnims führte nun bereits an den Dreißigjährigen Krieg heran, der für die weitere Geschichte Gramzows nicht weniger einschneidend war als die Reformation. Er hatte für die ganze Uckermark furchtbare Folgen. Einiges über seinen Verlauf und über seine katastrophalen Auswirkungen habe ich an anderer Stelle gesagt (W. Bredendiek: „Der Dreißigjährige Krieg in der Uckermark“; in: Heimatkalender 1959 für den Kreis Prenzlau, S. 40 ff.), ich will das hier im einzelnen nicht wiederholen.  

Nach dem Kriege waren die Äcker mit Unkraut oder „Tanger“ bewachsen. Die Häuser waren zerstört, die Menschen, soweit sie nicht erschlagen oder verhungert waren, in die wenigstens einigen Schutz bietenden Städte oder in Wälder und unzugängliche Brüche oder gar in ferne Gegenden geflohen. Die Neubesiedlung ging nur sehr langsam voran. Die fast 35 Jahre nach Kriegsende aufgestellten Küchen- und Kellerrechnungen des Amtes Gramzow von 1681/82 verzeichneten in Gramzow noch immer nur 8 zu Abgaben herangezogene Höfe gegenüber 22 wüsten, obwohl Kurfürst Friedrich Wilhelm bereits kurz nach 1650 versucht hatte, die zum Amt Gramzow gehörenden Dörfer mit Niederländern, Nordwestdeutschen und Dänen zu besiedeln. Durch einen Kontrakt vom 18. November 1650 waren die Domänenämter Gramzow und Seehausen an den Holländer Arnoldus Rejnerts verpachtet worden mit der ausdrücklichen Weisung, auf ihnen Niederländer anzusetzen, denen sechs Freijahre zugesichert wurden. Zur Erfüllung dieses Auftrags verband sich Rejnerts  mit Reinhard Couvmann. Beide fuhren im Februar 1651 nach Holland, um Familien „zur Agrikultur und Handlungen und andere Hantierung“ anzuwerben. Noch im gleichen Jahr konnten sie 200 Personen nach Gramzow schicken, die auf die Amtsdörfer verteilt wurden, wo sie einfache Wohnung, Anspannung, Zuchtvieh, Brot- und Saatkorn erhielten.  

Aber es entstanden bald Unzuträglichkeiten zwischen den meist reformierten Zugewanderten und den lutherischen Eingesessenen. Rejnerts versuchte möglichst viele lutherische Pfarrer durch reformierte zu ersetzen. Diese sollten von ihm besoldet werden, während er die Liegenschaften der Kirchgemeinden einziehen und die mit ihnen verbundenen Einkünfte und Abgaben für sich verwenden wollte. Das Rejnerts bei dem Versuch, diese Pläne durchzusetzen, auch vor massivem Druck nicht zurückschreckte, ergibt sich aus einer Beschwerde vom 12. April 1652, in der es heißt, daß den alten märkischen Untertanen allerlei Lästiges zugefügt werde, „so daß viele ins exilium“ gingen. Kurz darauf machte ein Befehl des Kurfürsten den Streitereien ein Ende. Die zuvor von beiden Parteien zur Sache abgegebenen Erklärungen sind auch ortsgeschichtlich interessant. Rejnerts vertrat im Februar die Auffassung, daß, „weil die ganzen Ämter so wenig alte Untertanen“ hätten, sie sich mit einem lutherischen Pfarrer begnügen könnten. Dem hielten die Pastoren entgegen, daß zur Zeit der Ausfertigung des Pachtvertrages für Rejnerts, also 1650, in den Ämtern Gramzow und Seehausen 525 lutherische Holsteiner seien, die in ihrer alten Heimat durch Wasserfluten alles verloren hätten.  

Wenn auch einige niederdeutsche und holländische Familien (u.a. die die Familien Dahn, Bunge und Draht) in Dörfern des Amtes Gramzow seßhaft wurden, so war das Siedlungsunternehmen aufs ganze gesehen doch ein ähnlicher Fehlschlag wie der etwa gleichzeitig unternommene Versuch, das Amt Chorin mit Niederländern neu zu besetzen. Jedenfalls wurden Rejnerts und Couvmann bald wieder vom Kurfürsten entlassen.  

In den Jahren 1685 bis 1691 entstanden die sogenannten „französischen Kolonien“ in der Uckermark. Damit begann ein neuer Abschnitt in der Reorganisation des durch den brandenburgisch-schwedischen Krieg von 1674/75 erneut schwer verwüsteten Landes. An die Stelle fragwürdiger, von Abenteurern und Hochstaplern durchgeführter Experimente, trat nun eine energisch, großzügig und zielstrebig betriebene Kolonisation auf langer Sicht. Mag man über die Gründe, die Friedrich Wilhelm zur Aufnahme der Hugenotten, Wallonen und Pfälzer in Brandenburg bewogen haben, denken wie man will, mag man den Einfluß der Refugiés auf die ökonomische und geistige Entwicklung der Mark Brandenburg auch erheblich nüchterner einschätzen als die Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts es taten – das Urteil Helmut Erbes besteht dennoch zu Recht: Durch die Refugiés erhielt die Uckermark „weithin ein anderes Gesicht“. Erst mit ihrer Hilfe konnten die tiefen Wunden geheilt werden, die die vorangegangenen Kriege dem Lande geschlagen hatten.  

Das Amt Gramzow gehörte zu den Schwerpunkten dieser Siedlung. Den alteingesessenen Uckermärkern erschienen die „Franzosen“ zwar als ein einheitliches Gebilde, als ein Fremdkörper. Tatsächlich aber waren sie ein buntes Gemisch verschiedener Volksstämme. Im Amt Gramzow waren 1699 72 Refugiéfamilien mit 327 Personen angesiedelt (R. Béringuier: Die Colonieliste von 1699, Berlin 1888, S. 90 ff.), davon ziemlich genau die Hälfte (37 Familien/166 Personen) in Gramzow selbst, der Rest in Fredersdorf (10/42), Meichow (18/92) und Briest (7/27). Von den Gramzower „Franzosen“ kam keine Familie aus den eigentlichen französischen Kernlanden, sondern entweder aus Grenzgebieten wie dem Raum Metz-Sedan (1) und der Picardie (1), dem erst seit 100 Jahren von England zurückeroberten ‚pays reconquis’, der Gegend um Calais (1) oder aus der Schweiz (4), Holland (1), ja, vier Familien stammten aus Hessen (1) und der Pfalz (3), von denen zwei bestimmt deutsch waren. Die Masse der Emigranten, die in Gramzow Fuß faßten – 25 Familien mit 107 Köpfen – kam aus dem Hennegau (heute bekannt als Zentrum der belgischen Kohlenindustrie), dem Gebiet um Mons und Wasmes. Über die Geschichte der Refugiés in Deutschland gibt es eine umfangreiche Literatur.  

Die grundlegenden Werke sind sämtlich nachgewiesen in der ausgezeichneten Bibliographie von Friedrich Wilhelm Hussong: Literatur und Quellen zur Geschichte der Hugenotten und Refugiés (in: Der deutsche Hugenott, 6. Jg., Berlin 1935). Weit verbreitet – und obwohl wissenschaftlich inzwischen überholt immer noch für eine erste Orientierung nützlich – ist E. Muret: Geschichte der Französischen Kolonie in Brandenburg-Preußen (Berlin 1885); gründlich gearbeitet, bedauerlicherweise aber in den Verallgemeinerungen sich mit allerlei konfusen Theoremen der faschistischen Geschichtsphilosophie identifizierend ist Helmut Erbe: Die Hugenotten in Deutschland (Essen 1937).Von den Spezialuntersuchungen zur Geschichte der „französischen“ Siedlungen in der Uckermark ist von besonderem Wert die Arbeit von Margarete Pick: Die französischen Kolonien in der Uckermark (Arbeiten UMGV, Heft 13; Prenzlau 1935). [7]  

Die Entwicklung der Gramzower Refugiégemeinde ist in vielerlei Hinsicht hoch interessant, sie auch nur oberflächlich darzustellen würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Den „Franzosen“ wurde für ihren Gottesdienst die Klosterkirche zur Verfügung gestellt, die – im Gegensatz zur Pfarrkirche – den Dreißigjährigen Krieg ohne größere Schäden überstanden hatte. Als Beckmann kurz nach 1700 seine berühmte Materialsammlung zur brandenburgischen Geschichte anlegte, erhielt er über den Zustand der Klosterkirche einen recht instruktiven Bericht: „Die Klosterkirche ist ein schönes hohes und breites Gebäude und noch in gutem Dach, auch vollkommen gewölbt, ruht auf zehn Pfeilern, die an dem Chor und Turm mitgerechnet. Inwendig herum sind annoch die Bilder der zwölf Apostel… Die Eingangspforte ist schön und hoch mit allerhand gebrochenen Steinen gezieret, so aber nun gemächlich eingehet. Die sechs mittelsten Pfeiler sein mit allerhand rot, gelb, blau und weiß angestrichen gewesen. Die Fenster sein ziemlich hoch, aber nur nordwärts… In dem Chor ist der Altar mit daran stehenden alten Bildern noch erhalten… In der Halle zur rechten Hand stehen über dem Eingange zur Kirche drei Bischöfe in pontificalibus und Bischofsstäben. Bei dem ersteren steht: Dns. Segewinus Episcopus Caminensis, bei dem mittelsten: Dns. Hermanus Eps. Cam., bei dem dritten: Dns. Wilhelmus Eps. Cam.“  

Das wurde 1709 geschrieben, fünf Jahre später war von der Klosterkirche nur noch eine Ruine vorhanden. Am 23. Juli 1714 vernichtete ein unerhört heftiger Brand alle Kloster-, Wirtschafts- und Wohngebäude bis auf diesen Rest der Kirche. Der damals in Gramzow amtierende Superintendent Johann Friedrich Grust (1713 – 1720) hat diese Feuersbrunst in dem unmittelbar danach von ihm angelegten Kirchenbuch – es ist heute das älteste der Gramzower Gemeinde – eingehend beschrieben. Das Feuer brach an einem Sonntag (9. n. Trin.), nachmittags 2 Uhr aus, im Hause des am Markt wohnenden Pfälzers Hans Schäffer, „und zwar, wie einige wollen, vom Tabakrauchen, andere aber vom Backen und Brauen, so vorigen Tages geschehen, und welches eine Entzündung in dem qualmigen Holze im Schornstein verursacht, so andern Tages durch den starken Wind aufgeblasen worden.“ Eben dieser Wind auch wurde dem Ort zum Verhängnis, zumal es wochenlang nicht geregnet hatte. Das Feuer verbreitete sich so rasend, daß zwei Frauen, ein Mann und ein Kind in den Flammen umkamen, einige andere Personen erlitten so schwerer Brandverletzungen, daß sie wenige Tage später starben. Außer allen Gebäuden auf dem Klosterberg, dem reformierten und dem lutherischen Pfarrhaus brannten 26 Wohnhäuser völlig nieder. Die Pfarrkirche „war in solcher Gefahr, daß bereits eine Tür brannte, auch ein Fenster ganz durchs Feuer ruiniert wurde, aber doch von der Hand des Herrn erhalten blieb.“  

Klosterruine Postkarte 1903   Klosterruine 1965   Klosterruine Postkarte 1905  

Die Erinnerung an den großen Brand von 1714 hat sich in Gramzow über 250 Jahre von Generation zu Generation erhalten. Auch wer sonst nur sehr unklare Kenntnisse von der Geschichte des Klosters und des Ortes hat, weiß manche Einzelheit von dieser Katastrophe. Eine Katastrophe war es in der Tat. Wohl wurden die Wohnhäuser wieder aufgebaut, die Amtsgebäude, wenn auch an anderer Stelle neu errichtet, aber die geschichtliche Kontinuität, die über die Reformation hinweg erhalten geblieben war, zerriß nun, da ihr Symbol zerstört war. Die „Klosterzeit“ wurde zu einem Mythos, fast zu einem Märchen. Sie war weder Mythos noch Märchen, sondern ein Stück brandenburgischer Landesgeschichte, deren Kenntnis lohnt, Widerspiegelung und Niederschlag der Hoffnungen, Kämpfe und Leiden von einfachen Menschen, von denen die Geschichtsbücher nicht berichten und die es doch sind, die alle Geschichte machen.  

Nach 1714 wurden andere Faktoren für die Geschichte Gramzows bestimmend, aber da sie in anderem gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Zusammenhängen stehen, möge von ihnen auch ein andermal die Rede sein.



[1] Die Bestände des Geheimen Staatsarchivs und des Zentralarchivs der DDR wurden 1993 wieder zusammengelegt und befinden sich heute im „Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz“ (GStA PK),
Archivstraße 12 – 14, D-14195 Berlin.

[2] Heute: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Zum Windmühlenberg, 14469 Potsdam.

[3] Heute: Stadtarchiv Prenzlau, Am Steintor 4, 17291 Prenzlau.

[4] Inzwischen sind die ausgelagerten Bestände wieder im Stadtarchiv Prenzlau und dort benutzbar.

[5] Zu dieser Urkunde schreibt Lieselott Enders im Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte Jahrgang 1999 im Aufsatz „Zur Geschichte des  Pämonstratenserstifts Gramzow“ auf Seite 15 folgendes: „Die Urkunde datiert von 1168. Die Bearbeiter der ersten Auflage des Pommerschen Urkundenbuchs deklarierten das Datum als Irrtum des Schreibers und legten zehn Jahre darauf. In Anbetracht früherer und auch späterer Besitzveränderungen, die sich im einzelnen nicht alle unmittelbar belegen, jedoch aus dem jeweils späteren Besitzstand ablesen lassen und die in Pommern von dem stark ausgeprägten fürstlichen Eigenwesen herrühren, erschein eine ohnehin fragwürdige Umdatierung durch Editoren nicht gerechtfertigt.“

[6] Nach Sophie Wauer: Die Ortsnamen der Uckermark, Brandenburgisches Namenbuch 9 (Weimar 1996) bedeutet Gramzow = Grab-šov ‚Ort eines Grab-š’ und stammt von der Grundform her aus dem altpolabischen (Polabisch bzw. Altpolabisch ist der Fachterminus für die Sprache der sog. Elbslaven, die auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer und Sachsen lebten und im Zuge der deutschen Ostsiedlung allmählich assimiliert wurden.). Somit ist die hier aufgestellte These von Walter Bredendiek heute nicht mehr zu halten.

[7] Diese Arbeit wurde 1960 geschrieben. Inzwischen kommt einiges an neuerer Literatur hinzu. Siehe auch die Website der Deutschen Hugenotten Gesellschaft e.V.:  http://www.hugenotten.de/ mit Hinweisen zu neuerer Literatur.

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