Buchvorhaben
Walter Bredendiek-Carl Ordnung-Günter Wirth
Walter Bredendiek Carl Ordnung Günter Wirth
Vorbemerkungen
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Carl Ordnung
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Editorial Vorwort Inhalt Rede Dr. H.-J. Beeskow


Rede anläßlich der Präsentation des Buches von

Carl Ordnung „Neues Denken: Umkehr zur Zukunft.
Ausgewählte Aufsätze, Vorträge und Predigten“*,
am 18. Oktober 2012 in der Evangelisch-methodistischen Christuskirche,
Richard-Sorge-Straße 14/15, 10249 Berlinvon
Dr. theol. Hans-Joachim Beeskow


Verehrte Angehörige von Carl Ordnung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder!

Gestatten Sie mir bitte zunächst einige mir wichtige Vorbemerkungen:
Ursprünglich war das Buch von Carl Ordnung, das uns heute hier zusammenführt und wir Ihnen präsentieren möchten, als Festgabe zu seinem 85. Geburtstag gedacht.
Unser Gott hat ihn aber - wie wir alle wissen - am 6. März 2012 zu sich in die Ewigkeit gerufen. So ist nun aus dieser Festgabe leider ein Gedenkband geworden, der heute - an seinem 85. Geburtstag - in dieser, seiner Heimatgemeinde - von uns, den Herausgebern, Hans-Otto Bredendiek und ich gemeinsam mit dem Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin & Basel präsentiert wird.
Carl Ordnung hat für sein Buch ein umfängliches, überaus eindrucksvolles und inhaltsreiches Vorwort geschrieben. Er verfaßte es noch kurz vor seinem Tod, und es liest sich wie ein Vermächtnis. Jedenfalls erging es mir so; denn als ich das Vorwort von Carl Ordnung zu lesen bekam, war er bereits tot. In diesem Vorwort zitiert er auch ein afrikanisches Sprichwort, das er auf sein Leben bezieht und das aus gutem Grund auch für ihn Gültigkeit hat:

„Wo Gott dich hingesät hat, da sollst du blühen.“

Ein Großteil des erfüllten und reichhaltigen Lebens und Werkes von Carl Ordnung stand im Kontext zur DDR-Gesellschaft und DDR-Wirklichkeit mit ihren Vor- und Nachteilen. Hier in diesem Land, in der Prager Christlichen Friedenskonferenz, im Solidaritätsdienst-international e.V. und in der Ökumene wußte sich Carl Ordnung von Gott „hingesät“. Hier versuchte er, mit seinen ihm von Gott geschenkten Gaben zu „blühen“, wovon die ausgewählten Aufsätze, Vorträge und geistlichen Arbeiten in seinem Buch ein beredtes und beeindruckendes Zeugnis ablegen.
Sein Nachdenken, seine umfangreiche Publizistik galt der Bewahrung der Schöpfung mit all’ ihren Konkretionen, so z. B. soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Friedenserziehung im christlich-theo-logischen Sinne.
Manches von dem, was Carl Ordnung gedacht und geschrieben hat und in seinem Buch veröffentlicht ist, erweist sich als sehr zeit- bzw. DDR-bezogen, was aber nicht deshalb wertlos oder gar beschämend geworden ist, weil es zeit- und DDR-bezogen ist.
Dieses Buch, das wir Ihnen heute präsentieren, dokumentiert vor allem ein Lebenswerk, das Carl Ordnung dankbar bejaht und angesichts der „Wende“ von 1989 nicht ‚über Bord geworfen’ hat.
Wie jedem anderen evangelischen Christen war Carl Ordnung das reformatorische „simul justus et peccator“ (gerechtfertigt und Sünder zugleich) wohl bewußt. Es signalisiert auch seine Besonnen- und Bescheidenheit sowie seine gerühmte, mit Fakten angefüllte Zuverlässigkeit, die zu den Wesenszügen seines Lebens und Werkes gehören.
Die Auswahl der in seinem Buch publizierten Werke hat Carl Ordnung im Wesentlichen selbst vorgenommen, aber auch im Gespräch mit seiner Tochter Carolina Winkler und mit mir. Allerdings mußten seine Texte digitalisiert werden. Dafür sorgte dankenswerterweise Ursula Anna Hausen aus Flensburg.
Unser Dank gilt aber besonders den Angehörigen von Carl Ordnung, vor allem seiner Tochter Carolina Winkler, die die Herausgabe dieses Buches unterstützt haben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
meine kurze Einführung in das Buch von Carl Ordnung kann und möchte natürlich nicht die Lektüre seines Buches ersetzen. Es ist auch das Ergebnis einer engen, wertvollen Freundschaft, die mich vor allem seit der Wende mit Carl Ordnung verband. Überaus gern erinnere ich mich an seine aktive Teilnahme am Berliner Paul-Gerhardt-Tag im Jahre 2007, auf dem er einen viel beachteten und zwischenzeitlich veröffentlichten Vortrag über „John Wesley und Paul Gerhardt“ hielt, des weiteren denke ich an die von ihm verfaßten Vor- und Nachworte für von mir und anderen herausgegebenen Bücher.
Wenn ich mich recht erinnere, kam ich etwa im Jahre 2009 auf die Idee, anläßlich seines 85. Geburtstages ein Buch mit ausgewählten Aufsätzen von ihm herauszugeben. All’ das war mit ungezählten Gesprächen mit Carl Ordnung verbunden. Bezüglich des heutigen Buches hatte Carl Ord-nung zunächst Bedenken mit dem Bemerken: „Wer weiß, ob ich meinen 85. Geburtstag erlebe.“ Mehr als einmal habe ich versucht, seine Bedenken zu zerstreuen und ihm schließlich gesagt, er möge doch bitte erst 100 Jahre alt werden und erst dann an sein Lebensende denken. Auch Carl Ordnung hatte die genannten Lebensjahre in Psalm 90 verinnerlicht, aber irgendwann hatte ich ihn soweit, daß er damit begann, sein umfängliches Archiv zu durchforschen, das sich heute in wesentlichen Teilen im Bundesarchiv befindet, und Manuskripte herauszusuchen, die in seinem Buch Eingang finden sollen. 
Der Bogen der in seinem Buch vereinten Aufsätze von Carl Ordnung ist zeitlich weit gespannt. Es reicht von frühen Arbeiten aus den 1960er Jahren bis zu Werken aus dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts. Sie finden auch einige Bibelarbeiten und Predigten in dem Buch, war doch Carl Ordnung auch als Laienprediger seiner Evangelisch-methodistischen Kirche jahrzehntelang tätig.
Wem all’ dies nicht reicht, der findet in dem Buch eine Auswahlbibliographie, die jedem Leser die Weiterarbeit ermöglichen soll.
Die bewegende Predigt, die Pfarrer Giselher Hickel anläßlich des Trauergottesdienstes für Carl Ordnung am 17. März dieses Jahres hier in dieser Kirche gehalten hat, haben wir ebenfalls in das Buch aufgenommen. Ein Personenregister beschließt sein Buch, das fast 300 Druckseiten umfaßt.
Nach dieser kurzen Gesamtübersicht, nun zu einigen Einzelheiten:
Sein Vorwort, das immerhin 50 Druckseiten des Buches ausmacht, bezeichnet Carl Ordnung selbst als „Lebensbericht“. In der Tat beschreibt er hier dankbar und konzentriert die wesentlichen Stationen seines Lebens mit seinen Höhen und Tiefen. Zu seinem Leben in der DDR-Gesellschaft und DDR-Wirklichkeit bekennt er sich ausdrücklich. Er reiht sich also nicht in das Heer der selbsternannten Widerstandskämpfer ein, reflektiert sein Leben kritisch und zitiert in diesem Zusammenhang den Dichter Johannes R. Becher mit den Worten: „So halt ich über meine Zeit Gericht, wobei mein ‚Schuldig!’ auch mich schuldig spricht.“
Das sollten wir mit Respekt, Hochachtung und großer Menschenfreundlichkeit zur Kenntnis nehmen und uns nicht selbstgerecht an die Brust klopfen; dieses Schuldigwerden gilt in allen Gesellschaftsformationen und ist keineswegs nur auf ein Leben in der ehemaligen DDR bezogen.
Wenn ich daran denke, daß es Menschen gibt, die die in DDR-Zeiten geschriebene Aufsätze wundersam verschwinden lassen und dafür sorgen, daß jene nicht auffindbar sind, sehe ich zu Carl Ordnung einen gewaltigen Unterschied:
Die vielen Veröffentlichungen und Bücher von Carl Ordnung sind auffindbar, einsehbar und damit auch kritisierbar. Was unsere Kritik betrifft, so empfehle ich uns allen Zurückhaltung und Besonnenheit, die Carl Ordnung auszeichnete.
In seinen Veröffentlichungen habe ich einen cantus firmus oder Generalbass feststellen können. Und der heißt: Zuverlässigkeit im Umgang mit den Fakten, mit denen er vor allem in seiner ökumenischen Tätigkeit konfrontiert wurde und sammeln konnte und sie reflektorisch anderen, seinen Lesern und Predigthörern, mitteilte. Es hieß und galt: „Was von Carl Ordnung kommt, ist in Ordnung.“  
Auch nach der Wende war Carl Ordnung ebenfalls und weiterhin umfänglich publizistisch tä-tig. Bis kurz vor seinem Tod, dem eine Operation voranging, hielt er seine ‚Schreibfeder’ fest in der Hand und blieb seinen Themen treu, wie z. B. soziale Gerechtigkeit, Frieden, Armut, Reichtum, Erziehung und Bewahrung der Schöpfung. All’ das geschieht nun jedoch vor dem Hintergrund so genannter sozialer Marktwirtschaft und Globalisierung, die er z. T. einer überaus berechtigten Kritik unterzog. Des weiteren schrieb er beispielsweise im Jahre 2003 einen sehr beachtlichen Aufsatz über den „Menschen im Medienzeitalter“ oder 2010 über „Zwanzig Jahre deutsche Wiedervereinigung.“ Auch diese Aufsätze finden Sie in dem Buch von Carl Ordnung.
Wie zu DDR-Zeiten wird auch bei seinen Nach-Wende-Veröffentlichungen deutlich, daß Carl Ordnung einen gewichtigen theologischen Lehrer hatte; nämlich Dietrich Bonhoeffer, der ihn mit seiner Theologie direkt und indirekt sehr geprägt und bei dem er ganz offensichtlich linkes Denken gelernt hat. Wahrscheinlich hat Carl Ordnung auch diese Überlegung von Dietrich Bonhoeffer in besonderer Weise verinnerlicht: Ich kann nicht zusehen, wie Menschen von einem Auto überfahren werden und den Hinterbliebenen Trost spenden, sondern muß dem Rad in die Speichen greifen.
Das war Carl Ordnung wichtig und wesentlich, weil er auch auf eine bessere Welt hoffte, die ihm möglich schien und möglich ist.

Nun noch ein paar Worte zu den Predigten von Carl Ordnung, die ebenfalls in Auswahl in seinem Buch veröffentlicht sind.
Von ihm weiß ich, daß er gern und oft gepredigt hat. Es waren eine große Vielzahl von Predigten, mit denen er vielen Gemeinden, vor allem aber hiesiger Gemeinde diente.
Am Rande: Ich denke darüber nach, einen Band mit Predigten von Carl Ordnung herauszugeben. Auch in seinen Predigten wird immer wieder seine jeweilige, beeindruckende, faktenreiche Weltsicht und Weltkenntnis deutlich, um auch zu verhindern, daß seine Zuhörer einer „Kirchturmpolitik“ das Wort reden, eine Horizonterweiterung erfahren und außerdem eine Sicht ermöglichen, die weit über einen Kirchturmhorizont hinausgeht. 
Wenn ich recht sehe, hielt Carl Ordnung hier in dieser Kirche am 2. Mai 2010 eine seiner letzten Predigten über den Text aus 1. Mose 8, 21-22. Die beiden Verse berichten von dem Gelöbnis Gottes, daß er nicht mehr um der Menschen willen die Erde verfluchen und schlagen will, obwohl das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens von Jugend auf böse ist.
Carl Ordnung formuliert abschließend in dieser Predigt: „Unser Text zeigt uns einen Gott, der uns Menschen trotz unserer Schwächen liebt und der traurig ist, wenn er sieht, wie wir mit seiner Schöpfung umgehen, den es tief schmerzt, wenn er beobachten muß, wie wir uns als seine Geschöpfe gegenseitig behandeln. Der Text zeigt uns einen Gott, der ganz menschlich ist, man möchte sagen, so menschlich, wie wir es nie schaffen, menschlich zu sein, weil er trotz unserer Bosheit der Barmherzige bleibt. Gelobt sei dieser Gott, der uns so immer wieder mit neuer Hoffnung erfüllt.“
Um die Geborgenheit und Liebe Gottes, seiner Gemeinde und Familie wissend, sowie Gottes Barmherzigkeit erfahrend, war Carl Ordnung immer wieder von dieser neuen Hoffnung bestimmt und ließ ihn unverdrossen und unermüdlich nicht nur für die Bewahrung von Gottes sehr guter Schöpfung eintreten, sondern auch allen Perversionen dieser Schöpfung mutig, geduldig und konsequent, aber nicht rechthaberisch und schulmeisterlich, entgegentreten.
Beim Lesen der Aufsätze und Predigten von Carl Ordnung fand ich immer wieder konkretisiert, was Martin Luther King, den er persönlich kennen lernte, in seiner Friedensnobelpreis-Rede 1964 so eindrücklich forderte und zu bedenken gab: Auch angesichts der vielen ungelösten Probleme, aber zu lösenden und lösbaren Probleme dieser Welt wollen wir auf Gottes sehr gute Schöpfung kein Klagelied, sondern ein Loblied anstimmen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
dieser Tage erreichte mich ein Brief meines Freundes Dr. Peter Kirchner, der ehemals Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Ost-Berlin war. Er befindet sich gegenwärtig im Krankenhaus - wir wollen in unserer Fürbitte an ihn denken - und deshalb nicht unter uns weilen kann, was er mich in seinem Brief wissen ließ. Aber: Er schrieb mir auch dies: „Ich erinnere mich noch sehr gut an Carl Ordnung, hatte er doch auch Verbindung zur Ostberliner Jüdischen Gemeinde und zeitweilig auch für die Gossner-Mission gearbeitet … Ich wünsche Ihnen eine gelungene Buchpräsentation, wissend, daß die von Carl Ordnung geäußerten Ideen in seinen schriftlichen Äußerungen sehr tiefgehend sein werden und damit auch lesenswert. So bleibt also nur, dem Buch als solchem eine möglichst große Leserschaft zu wünschen.“
Ihre heutige Anwesenheit, meine sehr geehrten Damen und Herren, macht mir großen Mut, mich diesen Wünschen anzuschließen, Ihnen für Ihr Kommen und Ihre Aufmerksamkeit sehr herzlich zu danken.

 

*Carl Ordnung, Neues Denken: Umkehr zur Zukunft. Ausgewählte Aufsätze, Vorträge und Predigten.
Herausgegeben von Hans-Joachim Beeskow und Hans-Otto Bredendiek.

298 Seiten, Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin & Basel 2012,
ISBN 978-3-939176-83-1