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Zur Bedeutung des „klassischen" Pazifismus
für die Anfänge christlicher Friedensarbeit in Deutschland

Walter Bredendiek

in: Standpunkt. Evangelische Monatsschrift, 6,1984

 

Es sind drei Fragen, zu denen ich im folgenden etwas sagen möchte:

  • Was war der „ klassische"Pazifismus im Unterschied zu dem heute verbreiteten Verständnis des Begriffs „Pazifismus"?

  • Welche politische und ideologische Funktion hatte dieser „klassische Pazifismus"? Was forderten seine Protagonisten, und wie sind diese Forderungen zu beurteilen?

  • Welche Impulse gingen vom klassischen Pazifismus aus für die Besinnung zunächst von einzelnen Christen auf ihren Friedensauftrag, und was bedeutete er für die Anfänge organisierter christlicher Friedensarbeit vor dem ersten Weltkrieg? Ich beschränke mich dabei auf die Entwicklung in Deutschland zwischen 1890 und 1914 und lasse die zeitlich und sachlich parallellaufenden Vorgänge in England, den USA, Frank­reich, der Schweiz und Skandinavien unberücksichtigt.

I


Der Begriff „klassischer Pazifismus" ist ein Synonym für bürgerliche (oder nichtproletarische) Friedensbewegung vor dem ersten Weltkrieg. Die beiden Vokabeln „Pazifismus" und „Friedensbewegung" waren zwischen etwa 1905 und 1914 austauschbar und wurden ständig wechselweise mit gleichem Bedeutungsinhalt gebraucht. Unter „Pazifismus" wurde damals allerdings etwas wesentlich anderes verstanden als das, was heute im unreflektierten Sprachgebrauch ebenso wie in der politischen und wissenschaftlichen Literatur mit dem Wort verbunden wird.   In  der  kürzlich  erschienenen 4. Auflage des „Kleinen Politischen Wörterbuchs" (Berlin 1983) wird der „Pazifismus" definiert als „bürgerliche bzw. kleinbürgerliche Strömung und Ideologie..., die unter der Losung des Friedens um jeden Preis gegen alle Arten von Kriegen auftritt" und fast wörtlich ebenso auch im „Wörterbuch der Geschichte" (Berlin 1983). Ohne hier erörtern zu können, ob diese Definition das Selbstverständnis der Pazifisten der Gegenwart zutreffend kennzeichnet, so dürfte sicher sein, daß das heute vorherrschende Verständnis von Pazifismus damit richtig beschrieben wird. Allerdings war das ursprüngliche, das „klassische" Verständnis des Begriffs und der Sache des „Pazifismus" völlig anders. Seine Wortführer haben gerade die schon um 1900 vertretene Behauptung, die Pazifisten träten für einen „Frieden um jeden Preis" ein, als denunziatorisch und diffamierend entschieden zurückgewiesen. Anfang 1900 vermerkte Bertha v. Suttner, daß die Mitglieder der Friedensgesellschaften in England bereits seit Jahren „als ‚peace at any price-men’ bezeichnet und bekämpft" würden. Das würde wohl nun zum Schlagwort werden, das auch in Deutschland und Österreich die Friedensbewegung diskreditieren solle, denn: „Es soll ausdrücken, daß diejenigen, die einen ‚wahrhaften, dauernden Frieden' wollen, zu jeder Niedrigkeit, zum Aufgeben aller ,vitalsten' Interessen bereit sind, es soll eben ein schlechter Name sein..." Aber auch die Gleichsetzung von Pazifismus mit individueller Wehrdienstverweigerung hat nichts mit der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs zu tun.

„Pazifismus" ist ein Kunstwort und noch nicht sehr alt. Als Zusammen­setzung der lateinischen Wörter „pax" (Friede) und „facere" (machen) wurde es um die Jahrhundertwende gebildet, um die Forderungen und Ziele der (bürgerlichen) Friedensbewegung zu präzisieren, sie von allgemeiner Friedenssehnsucht und Friedenshoffnung abzugrenzen und um Verwechslungen vorzubeugen. In Deutschland gebrauchten die Mitarbeiter der Friedensbewegung als Selbstbezeichnung zunächst vor allem das Wort „Friedensfreunde". Schon bald jedoch erkannte man, daß der Begriff zu vage war um auszudrücken, was man positiv wollte. „Friedensfreund", meinte Bertha v. Suttner 1899, wäre „kein glücklich gewählter Name für unsere Anhängerschaft". Denn „Freund des Friedens ist fast jeder, Bekämpfer des Krieges, davon gibt es erst eine kleine Schar".

So wurden denn auch von verschiedenen Seiten bereits in den neunziger Jahren Vorschläge gemacht, die Bezeichnung „Friedensfreund" durch einen anderen Begriff zu ersetzen, sich „militanter Friedensfreund" oder „Arbeiter der Friedensbewegung" oder „Freund der allgemeinen Abrüstung" zu nennen. Seit mindestens 1894 begegnet in der Literatur das Wort „Friedenskämpfer", das rasch aufgegriffen wurde und sich in beträchtlicher Breite durchsetzte. Den Theoretikern und Publizisten der Friedensbewegung in Deutschland und Österreich erschien nun aber das deutsche Wort „Friede" selbst als so vieldeutig, daß ihnen viel an seiner Klärung lag. Auch die Militaristen sprächen von „Frieden", stellten sie fest. Im militaristischen Sinne aber bedeute „Frieden" einen Zustand der Waffenruhe zwischen zwei Kriegen, „die Ausnahme von der Regel, die diesem Sinne nach der Krieg bildet". In völligem Gegensatz dazu verstünden die Anhänger der Friedensbewegung unter „Frieden" einen „gesicherten internationalen Rechtszustand". Alfred Hermann Fried (der Initiator der „Deutschen Friedensgesellschaft", Begründer und Herausgeber der Zeitschrift „Die Friedenswarte", Friedensnobelpreisträger des Jahres 1911) hat diesen Gegensatz einmal so beschrieben: „Die Friedensbewegung erstrebt nicht jenen Frieden, den die Militaristen meinen. Sie will nicht bloß einen Zustand der Waffenruhe verlängern, nicht bloß einen einzelnen Krieg vermeiden oder seine Beendigung beschleunigen. Sie bekämpft überhaupt nicht den Krieg als solchen, sondern die Ursachen, die ihn zeitigen; sie bekämpft also in erster Linie auch jenen ‚Frieden’, der den Krieg zur Voraussetzung hat, ja selbst nur ein latenter Krieg ist. Ihr Streben geht vielmehr nach einer Umgestaltung des internationalen Zusammenlebens ... Für die moderne Friedensbewegung ist der Krieg ein Symptom, das Ergebnis einer tiefer liegenden Ursache. Er entsteht aus … der noch vorherrschenden zwischenstaatlichen Anarchie." Da nun aber „der gleiche Begriff die Unterschiede im Inhalt" verdunkle, wurde der Wunsch immer stärker, das mißverständliche Wort „Friede" durch ein anderes zu ersetzen.

Hinzu kam noch etwas anderes: Der Friede, den die Mitglieder der Friedensgesellschaften forderten und erstrebten, wäre, so meinten sie, „nicht jener Zustand, der durch das deutsche Wort ,Friede' seine richtige Bezeichnung findet". Denn, so stellte Fried einmal fest, das deutsche Wort „Friede" berühre sich nahe mit Vorstellungen von Schonen und Ruhen, deren Verewigung die Friedensbewegung jedoch keineswegs wünschte: „Näher kommt vielmehr die griechische und lateinische Bezeichnung für Friede der Tendenz unserer Bestrebungen. Das griechische ,eirene' bedeutet die Verbindung bisher getrennter Elemente, ähnlich wie im Lateinischen das Wort ,pax'..., welches ebenfalls zunächst aneinanderreihen und dann in weiterer Entwicklung ‚festsetzen’, einen Vergleich schließen, bedeutet. ‚Pax’ ist demnach das Ergebnis einer vergleichenden, verbindenden Verhandlung, d e r Vertrag, und das ist es, was eben die Grundlage aller (unserer) Friedensbestrebungen bildet, die ewige Pax, der ewige Vertrag, die Einsetzung des ... Friedensvertrages als dauernde Institution, nicht nur als vorübergehende." Im Unterschied, ja Gegensatz zu einem Verständnis von „Frieden", das die ewige Ruhe bezeichne, so faßt Fried seine Überlegungen zusammen, „erstreben wir die in der antiken Bezeichnung ausgedrückten Formen einer Weltentwicklung". Als dies geschrieben wurde, war der zugleich definierende und abgrenzende Begriff für die Ziele und Forderungen der Friedensgesellschaften bereits geprägt. Emile Arnaud, ein französischer Jurist und seit 1891 Präsident der von Victor Hugo und Giuseppe Garibaldi 1867 gegründeten „Friedens- und Freiheitsliga", die damals den linken Flügel der nichtproletarischen Friedensbewegung in Europa bildete, bezeichnete – zum ersten Male wohl 1895/96 – das Ziel seiner Gruppe, die vertraglich fixierte, auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beruhende internationale Rechtsordnung als „ p a c i f i s m e ". 1901 wurde das Wort vom Weltfriedenskongreß in Glasgow sanktioniert. Seitdem wurde es in gleichartiger Bedeutung in den meisten europäischen Sprachen gebraucht. Worum es den Theoretikern und Aktivisten dieses „klassischen" Pazifismus ging, wird wohl am besten deutlich, wenn man ihre positiven Forderungen dem gegenüber stellt, was von ihnen als „tatsächlicher Zustand" bekämpft wurde: An die Stelle der Gewalt in den internationalen Beziehungen sollte das Recht treten; die zwischenstaatliche „Anarchie" und damit der Krieg sollten durch die Ausbildung des Völkerrechts beseitigt werden; nationale Sonderinteressen sollten dem „menschlichen Gemeininteresse" untergeordnet werden, das Denken in den Kategorien von Sieg und Niederlage sollte dadurch überwunden werden, daß man den durch Verhandlungen zu erreichenden, allen Beteiligten gerecht werdenden Kompromiß anstrebte. Aus alledem wird deutlich: Das Ideal dieser Pazifisten war nicht die Vormacht eines Staates oder einer Staatengruppe, nichts, was an Vorstellungen der Pax Romana oder ähnlicher Konzeptionen erinnerte, sondern wofür sie sich einsetzten, das war das friedliche Miteinanderleben gleichberechtigter souveräner Staaten und eine Art Solidarität der Staatengemeinschaft.

Die Ideologen des „klassischen" Pazifismus orientierten also auf einen dauerhaften, gefestigten Friedenszustand. Ihr Richt- und Zielpunkt war nicht die Ausschaltung des Krieges für kürzere oder auch längere Zeit, sondern die endgültige Sicherung des Friedens zwischen den Staaten. Das war in der Fragestellung ein wichtiger Fortschritt über fast alle Ansätze hinaus, die früher gemacht worden waren (auch über die der sogenannten „historischen Friedenskirchen"). An diesem Punkt lag der wesentliche Unterschied, den die „Pazifisten" seit der Jahrhundertwende zwischen sich und den „Friedensfreunden" sahen und häufig betonten.

Die Frage, was der „klassische" Pazifismus war, läßt sich also so beantworten: Ursprünglich bezeichnete das Wort „Pazifismus" die Arbeit und den Kampf zur Durchsetzung einer Politik, die auf die Schaffung einer durch internationale Verträge gesicherten zwischenstaatlichen Rechtsordnung gerichtet sein sollte. Dieses Verständnis besitzt mit dem, an was man heute meist denkt, wenn von „Pazifismus" die Rede ist, kaum Berührungspunkte. „Pazifismus" war im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ein eindeutig politischer und völkerrechtlicher Begriff ohne jede individualethische Komponente und Dimension.

II

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Welche politische und ideologische Funktion hatte der „klassische Pazifismus" in Deutschland? Was forderten seine Wortführer, und wie sind diese Forderungen zu beurteilen?

In Deutschland war die bei weitem wichtigste organisatorische Plattform des „klassischen Pazifismus" die 1892 gegründete „Deutsche Friedensgesellschaft" (DFG). Ihre Programme und Grundsatzerklärungen sowie die Reden und Schriften ihrer führenden Mitglieder liefern das beste Material, um diese beiden Fragen zu klären.

Den Anstoß zur Gründung der „Deutschen Friedensgesellschaft" gab Bertha v. Suttner mit dem Roman „Die Waffen nieder!", der 1889/90 erschienen war und der sofort ein starkes Echo ausgelöst hatte. „Keine Kongresse, keine Versammlungen, keine Reden und keine Flugblätter haben weite Massen so aufgerüttelt wie dieses Buch", urteilte später Ludwig Quidde (ein demokratischer Historiker und Politiker, von 1914 bis 1929 Vorsitzender der DFG und Friedensnobelpreisträger von 1927). Dieses Urteil ist durchaus berechtigt.

Doch sind von diesem unmittelbaren Anlaß die tieferen gesellschaftlichen Ursachen für die Gründung der DFG zu unterscheiden. Sie war ein Reflex verschiedener ökonomischer, politischer und sozialer Prozesse, die Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts deutlich machten, daß die sozialen und ideologischen Verhältnisse in einer raschen und tief­gehenden Wandlung begriffen waren, ohne daß diese Veränderungen allerdings schon, wie zehn, 15 Jahre später, in ihrer Entwicklungsrichtung eindeutig festgelegt gewesen wären.

Das im einzelnen zu belegen, ist jetzt nicht möglich. Einige wenige Daten und Stichworte mögen andeuten, wie diese „offene" Lage beschaffen war. Die entscheidende historische Zäsur, der Epocheneinschnitt vor dem ersten Weltkrieg, ist zwar erst mit den Jahren 1897/98 anzusetzen, als das Zeitalter des Imperialismus begann. Doch bereits in den achtziger und frühen neunziger Jahren hatten in Nordamerika und Europa die Konzentration wirtschaftlicher Macht bei Kartellen und Trusts, koloniale Expansion und Kapitalexport gewaltige Ausmaße angenommen. Am anderen Pol der gesellschaftlichen Skala bildeten sich gleichzeitig in allen industriell entwickelten Staaten sozialdemokratische Massenparteien. 1889 konstituierte sich die II. Internationale. In Deutschland signalisierten 1890 die Aufhebung des Sozialistengesetzes und der Sturz Bismarcks den Beginn einer neuen Phase der sozialen und politischen Entwicklung. 1891 verabschiedete die Sozialdemokratische Partei das Erfurter Programm, im gleichen Jahre wurde aber auch der Alldeutsche Verband gegründet, der sich rasch zur wichtigsten Propagandaorganisation einer expansionistischen „ Weltmachtpolitik" entwickelte. In einem Satz: Die gesellschaftlichen Hauptkräfte bezogen die Ausgangspositionen für den Kampf, der in den nächsten 25 Jahren mit ständig zunehmender Schärfe um die künftige Gestaltung der Geschicke Europas geführt werden sollte.
Von erheblicher Bedeutung für seinen Ausgang mußte es werden, auf welche der beiden Konzeptionen sich die Mittelschichten orientieren würden: die nicht monopolistischen Unternehmer, selbstständigen Handwerker und Geschäftsleute, die Bauern, vor allem aber die Intellektuellen, die in den Universitäten, Schulen und Kirchen, in den Verlagen und Redaktionen meinungsbildend wirkten.

Vor diesem Hintergrund bestand die wichtigste Aufgabe des „klassischen Pazifismus" nun objektiv darin, die Zwischen- und Reserveschichten, insbesondere die Kräfte der bürgerlichen Mitte, anzusprechen und sie zu einer echten Potenz für den Kampf gegen die immer deutlicher erkennbar werdenden Gefahren verheerender Kriege zu machen und ihnen die Voraussetzungen, die Chancen und Perspektiven eines gesicherten Friedens vor Augen zu führen.

So hatte denn auch in Deutschland die bürgerliche Friedensbewegung von Anfang an einen Doppelcharakter: Sie war einerseits eine Protest- und Oppositionsbewegung gegen die Militarisierung des öffentlichen Lebens, gegen Chauvinismus und Imperialismus, und sie war zum anderen ein Kristallisationspunkt für Humanisten verschiedener Prägung und Orientierung. Indem sie die für die Zukunft Europas und der Welt entscheidende Alternative bezeichnete – Frieden auf der Basis Von Recht, Solidarität und Humanität oder unablässiges Wettrüsten, exzessiver Nationalismus und amoralische Machtpolitik mit der unausweichlichen Konsequenz eines globalen Vernichtungskrieges –, markierte die Friedensbewegung den Punkt, auf den sich auch alle nichtproletarischen Kräfte orientieren konnten, die in Rüstung, Militarismus, Kolonialismus und Imperialismus eine tödliche Gefahr erkannten (oder ahnten) und die einen gesicherten Frieden, eine internationale Rechtsgemeinschaft der Staaten und Völker nicht nur für ein ethisches Postulat hielten (das natürlich auch), sondern für ein realisierbares Ziel praktischer Politik.

Bereits unmittelbar nach der Gründung der „Deutschen Friedensgesellschaft" zeigte sich, daß mancherlei Kräfte für die humane Alternative zur Politik der herrschenden Klassen aktiviert werden konnten. In den neunziger Jahren schlossen sich der DFG Männer und Frauen aus verschiedenen Bewegungen und Vereinigungen an, die dem wilhelminischen Großmachtchauvinismus opponierten – führende Mitglieder der „Gesellschaft für Ethische Kultur" (u.a. der berühmte Astronom Wilhelm Foerster), Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, süddeutsche Politiker und Publizisten, linksliberale Demokraten und Republikaner, Völkerrechtler und auch einige damals sehr bekannte Schriftsteller (so Friedrich Spielhagen).

Im Lager derjenigen, die nach dem „Platz an der Sonne" drängten und den „Griff nach der Weltmacht" vorbereiteten, bei den Alldeutschen, den Wehr-, Kolonial- und Flottenenthusiasten, begriff man sehr schnell, welche Gefahr sich hier für die eigenen Pläne zusammenzog. Diese Pläne waren nur m i t den Reserven der gesellschaftlichen Mitte zu verwirklichen, wenn also von Kanzel und Katheder und durch die publizistischen Medien den Bürgern das gute Gewissen zu Militarismus und Chauvinismus gemacht wurde und wenn diese sich auf die Perspektive einer expansionistischen Machtpolitik einließen in der Hoffnung, dadurch den Bedrohungen zu entgehen, die sie von den ökonomischen Konzentrations- und allgemeinen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen zu gewärtigen hatten. Darum traten nicht nur obskure Skribenten gegen die Friedensbewegung auf den Plan, sondern von Anfang an auch Männer von beträchtlicher Intelligenz und formaler Bildung.
In dem gleichen Jahre 1892, in dem die DFG gegründet wurde und noch bevor sie sich richtig organisiert hatte, erschien das Buch eines seinerzeit renommierten Militärschriftstellers, des Generalleutnants z. D. Albert v. Boguslawski: „Der Krieg in seiner wahren Bedeutung für Staat und Volk". Es war dies der erste Frontalangriff auf die nichtproletarische Friedensbewegung in Deutschland.

Über seine Zielsetzung äußert sich Boguslawski ohne Umschweife: Die Erörterung darüber, ob ein dauerhafter Friede zwischen den Staaten geschaffen werden könne, wäre zwar schon Jahrhunderte alt – erwähnt werden u. a. Saint-Pierre und Kant –, aber diese Diskussionen wären bisher immer abstrakt, theoretisch und spekulativ gewesen. Das hätte sich seit kurzem grundlegend geändert. Die gegenwärtige Friedensbewegung verfolge praktische Ziele und strebe eine politische Wirksamkeit an. „Schon erhebt sich eine vollständige Propaganda ... Männer und Frauen wirken darin zusammen. Für die ,Abschaffung des Krieges' will man Volksbewegungen ins Leben rufen, in Romanen und Schriften wird dafür gekämpft, Journale dieser Richtung gegründet." Besonders alarmierend sei der direkte Appell an die Massen, über die Parlamente die Regierungen unter Druck zu setzen. Boguslawski sieht darin geradezu „staatsfeindliche Umtriebe", und so ist es nur folgerichtig, daß er die Friedensbewegung nahe an die Arbeiterbewegung heranrückt. Zwar unterschieden sich die Anhänger der Friedensbewegung in ihren Motiven von den Sozialdemokraten, „aber ihre Sprache ist die nämliche", und auch in ihrer sachlichen Wirkung ergänzten sich die von den Friedensgesellschaften vertretenen „falschen Anschauungen über Krieg und Frieden" und die „Lehren der Sozialdemokratie". Gemeinsam hätten sie bewirkt, daß „das Verständnis vom Kriege, wie es in unserem Volke auch der geringste Mann bis jetzt besaß", nicht mehr ungebrochen vorhanden wäre. Dem müßte mit Entschiedenheit entgegengetreten werden.

Boguslawskis Buch beweist, wie ernst die Ideologen und Organisatoren einer deutschen Weltmachtpolitik die Möglichkeiten nahmen, die auch in der bürgerlichen Friedensbewegung lagen. Das ist nun aber nicht nur für den Historiker interessant. Daraus läßt sich auch heute noch (und gerade heute wieder) manche nachdenkenswerte Lehre ziehen. Im wilhelminischen Deutschland spielte die Behauptung, ein bürgerlicher Humanist kooperiere mit Sozialdemokraten, ziemlich genau die gleiche Rolle wie heute in manchen Teilen der Welt die antikommunistische Demagogie. Und nicht selten hatte sie auch die gleiche Wirkung: Um nicht in den Verdacht zu geraten, ein „schlechter Patriot" oder gar ein „Staatsfeind" zu sein (im Verständnis der Militaristen und Chauvinisten, versteht sich), verleugnete mancher seine Überzeugung, hielt sich still und überließ den Kriegstreibern das Terrain.

Auch im Bereich des „klassischen Pazifismus" gab es gelegentlich solche Erscheinungen oder Versuchungen. Aber, das muß mit Nachdruck betont werden, sie waren selten und jedenfalls zu keiner Zeit zwischen 1892 und 1914 typisch. Typisch war vielmehr auch und gerade in Deutschland seit der Jahrhundertwende die immer genauere Präzisierung der pazifistischen Grundsätze und Forderungen im scharf betonten Gegensatz zur Ideologie und Praxis des Militarismus und Imperialismus.
Gefordert wurde vor allem dreierlei: die Schaffung einer Staatenorganisation – die Ausbildung des Völkerrechts zum internationalen Friedensrecht – die schrittweise Verminderung der Rüstungen mit dem Ziel einer vollständigen Abrüstung. Auffallend ist, daß der Ton, in dem diese Forderungen propagiert wurden, immer sachlicher und nüchterner wurde. Als die „Deutsche Friedensgesellschaft" sich 1906 ein neues Symbol gab, kommentierte „Die Friedenswarte" das mit folgenden Überlegungen: „Das richtige Emblem zu finden, war nicht leicht. Wir mußten Abstand nehmen von dem Hergebrachten. Keine Ölzweige, keine Tauben, keine Engel, keine weißen Fahnen, keine zerbrochenen Schwerter, keine Pflugscharen! Alle diese Symbole versinnbildlichen die Idee nicht, die wir vertreten. Was denn? Eine Reihe ineinandergreifender Zahnräder erschien uns als das richtige Symbol. Das meint das Zusammenwirken zu einem gemeinsamen Zweck, das zeigt den Teil im Zusammenhang mit dem Ganzen, das Ganze im Zusammenhang durch den Teil. Möge die Friedensbewegung in allen Ländern diese Zahnräder zu ihrem Symbol wählen und mit der Sentimentalität der bisherigen Symbolik auch die Sentimentalität des Pazifismus, die sich in einzelnen Köpfen noch immer aufrecht erhält, beseitigen."
Vom eigentlichen „Zweck" ihrer Tätigkeit aber kämen die Pazifisten ab, wenn sie sich darauf einließen zu überlegen, wie der Krieg zu „humanisieren" oder „einzuschränken" wäre oder wie sich der einzelne in einem ausgebrochenen Kriege verhalten sollte. Nicht der bewaffnete Konflikt dürfe die Orientierungslinie ihres Denkens und Handelns bilden, auch nicht die Abwendung drohender Konflikte von Fall zu Fall, sondern das normale Zusammenleben der Völker und Staaten.

Aus diesen Grundsätzen wurden auch für eine Reihe von einzelnen Problemen weiterführende Gesichtspunkte entwickelt – für ein mögliches System europäischer Sicherheit etwa und besonders für den Komplex Rüstungsbeschränkung und Abrüstung. Ohne das jetzt im einzelnen entwickeln zu können, möchte ich ein für den „klassischen" Pazifismus charakteristisches Moment doch wenigstens erwähnen:
Was heute „Unilateralismus" genannt wird, die Forderung nach einseitiger Abrüstung also (die auch in Deutschland im Zusammenhang mit der Rezeption des Werkes von Leo Tolstoi seit der Jahrhundertwende gelegentlich erörtert wurde), ist von den Führern der bürgerlichen Friedensbewegung vor dem ersten Weltkrieg immer mit Nachdruck abgelehnt worden. Allerdings war diese Ablehnung nicht ihr letztes Wort. So schrieb Bertha v. Suttner einmal: „In der Regel lautet der Einwand (gegen die Forderung nach wirksamer Abrüstung): Wir werden uns doch nicht unseres Schutzes berauben, um uns dem Gegner hilflos und wehrlos preiszugeben, möge er also den Anfang machen. Selbstverständlich wird keiner ,den Anfang' machen, indem er seine Wehr hinwirft und sich auf Gnade und Ungnade ergibt. Solchen naiven Einwendungen darf man wohl die Belehrung entgegensetzen, daß es im bürgerlichen wie auch im staatlichen Leben gewisse Abmachungen gibt, die man Verträge oder Konventionen nennt. Insofern macht einer den Anfang, daß er beim anderen anfragt, ob er geneigt wäre, eine Vereinbarung einzugehen."

Das Problem war damit richtig erkannt und formuliert. Nur war eben keiner der hochgerüsteten imperialistischen Staaten „geneigt", eine Abrüstungsvereinbarung zu treffen. Wie die Dinge vor dem ersten Weltkrieg lagen, waren die zentralen Forderungen der Pazifisten jener Zeit – Gewaltverzicht, kollektive Sicherheit und Abrüstung – nicht zu verwirklichen. Diese Forderungen waren damals utopisch – einmal in dem Verständnis des Wortes von „zu ihrer Zeit unrealisierbar", da hinter diesen Forderungen ein abstraktes und idealisiertes Bild vom bürgerlich-kapitalistischen Staat stand, andererseits nun aber auch in dem weiten Verständnis des Begriffs „Utopie", wie es vor allem von Marx und Engels eingeführt worden ist: Der „klassische Pazifismus" nahm Möglichkeiten gedanklich vorweg, die auf einer späteren Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung zur realistischen Möglichkeit für praktische Politik werden konnten. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Wesentliche Grundsätze des „klassischen Pazifismus" finden sich heute in den Prinzipien wieder, auf denen die Politik der friedlichen Koexistenz beruht.
Im „klassischen Pazifismus" gab es zeitweise mancherlei Illusionen über die Friedenswilligkeit und Friedensfähigkeit der Regierenden in den imperialistischen Staaten. Besonders deutlich wurde das vor der ersten Haager Konferenz. Aber es gab bei vielen führenden Pazifisten vor dem ersten Weltkrieg vor allem immer das Wissen und die Erkenntnis, daß die Arbeit für den Frieden keine Idylle ist, sondern Auseinandersetzung und Kampf mit starken, erfahrenen und skrupellosen Gegnern. Die Rüstungsindustrie und die zum Krieg hetzende chauvinistische Presse, die den Bismarck-, Treitschke- und Nietzsche-Kult forcierenden Intel­lektuellen, die Herolde des Flotten-, Kolonial- und Wehrvereins – das waren für sie die Feinde, die sie erkannt hatten und vor deren Treiben sie unablässig warnten. An dieser Front haben gerade die deutschen Pazifisten immer besonders entschieden gekämpft. Der deutsche Militarismus war für sie der Feind schlechthin.

Bereits im Gründungsjahr der „Deutschen Friedensgesellschaft" (1892) erschienen zwei Schriften von Vorstandsmitgliedern der DFG, an denen man das gut erkennen kann: ein leidenschaftlicher Appell Richard Reuters „Was will das Volk? Weder Militarismus noch Krieg" und die (im Untertitel ausdrücklich so bezeichnete) „Anklageschrift" von Ludwig Quidde, „Der Militarismus im Deutschen Reich".

Beide Autoren charakterisierten den Militarismus als inhuman und kulturfeindlich, antidemokratisch und barbarisch, brutal und terroristisch. Doch sie wollten ihn nicht nur beschreiben, sondern sie forderten zum entschlossenen Kampf gegen ihn auf, und zwar nicht nur von Fall zu Fall (etwa wenn die Regierung eine neue Rüstungsvorlage vorlegte), sondern immer und prinzipiell. In diesem Kampf dürfte man nie vergessen, daß es zwischen Militarismus und Friedenskampf keinen Kompromiß geben kann, denn – und mit dieser Feststellung schloß Quidde seine Schrift – „Der Militarismus ist hart, und nur vor fremder Härte hat er Respekt, nur durch Härte kann man ihm etwas abgewinnen. Wer sich vor ihm beugt und dann auf gnädige Behandlung hofft, wird vor den Triumphwagen gespannt, um später geopfert zu werden." Solche Warnungen und Mahnungen waren zwar nicht völlig in den Wind gesprochen; aber sie fanden im deutschen Bürgertum, an das sie vor allem adressiert waren, aufs ganze gesehen, doch nur eine schwache Resonanz. Die in den neunziger Jahren gehegte Hoffnung, daß die „Deutsche Friedensgesellschaft" mehr werden könnte als ein Kristallisationspunkt antimilitaristischer, linksliberaler und demokratischer Kräfte, nämlich eine geschlossene, unmittelbar auf die Parlamente und Regierungen einwirkende politische Kraft, erfüllte sich nicht. Die DFG hatte vor 1914 nie mehr als 10 000 (und auch zwischen 1918 und 1933 höchstens 30 000) Mitglieder. Berücksichtigt man nur dies, so könnte man sie tatsächlich als eine Gruppe humanistischer Intellektueller ohne Massenbasis und ohne Einflußmöglichkeiten für die praktische Politik bezeichnen. Aber das wäre einseitig. Die Organisationen des „klassischen" Pazifismus waren immer mehr, als was sich aus solchen Statistiken ablesen läßt. In Deutschland hielt vor allem die DFG mindestens bis zum ersten Weltkrieg die Möglichkeit offen für eine bürgerlich-demokratische Alternative zur Politik und zu den Plänen des deutschen Imperialismus. Weniger umfassend als die revolutionäre Arbeiterbewegung, aber in diesem Punkt doch mit ihr vergleichbar, bekämpfte sie wesentliche Struktur -und sogenannte „Ordnungs "Prinzipien der imperialistischen Welt. Daß die gemeinsamen Feinde von Sozialisten und Pazifisten sehr früh und sehr klar erkannten, daß beide zu­sammengehörten, haben wir an dem Beispiel des Buches von Boguslawski gezeigt. Und als der „Wehrverein" sich 1912 bildete, um die öffentliche Meinung im Interesse der deutschen Monopolisten, Kriegsinteressenten und Kriegstreiber zu manipulieren, betonte er in seinem Gründungsaufruf mit besonderem Nachdruck, daß seine Bestrebungen gleichermaßen gegen die Forderungen der marxistischen Arbeiterbewegung und der Pazifisten gerichtet wären. (Was vor dem ersten Weltkrieg begann, fand in der Zeit der Weimarer Republik seine bruchlose Fortsetzung: Die deutschen Militaristen, Revanchisten und Faschisten haben außer und nach der Arbeiterbewegung keine politische Kraft so erbittert und haßerfüllt bekämpft wie die organisierte Friedensbewegung.)

Dies alles wäre ganz unverständlich, hätte es sich bei den pazifistischen Organisationen lediglich um Zusammenschlüsse von einigen tausend gutmeinenden Intellektuellen gehandelt, und hätte nicht vielmehr ihr politischer „Entwurf" von Anfang an auf das hingewiesen, was in Deutschland erst nach 1945 verwirklicht werden konnte – auf das Bündnis der Arbeiterbewegung mit dem humanistischen Bürgertum zum gemeinsamen Kampf gegen die Kriegstreiber und für den gesicherten Frieden.


III

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Neben der Arbeiterbewegung war der klassische Pazifismus der wichtigste „Anstoß von außen", um Christen in Deutschland ein grundsätzlich neues Verständnis der Friedensarbeit und des Friedenskampfes für die Verbindlichkeit christlicher Verkündigung und für die Glaubwürdigkeit christlicher Existenz gewinnen zu lassen.

Anders als in England und Amerika wo christliche und biblische Motiv seit den Anfängen organisierter Friedensarbeit immer eine wesentliche Bedeutung hatten, spielten solche Motive in Deutschland zunächs kaum eine Rolle. Während der Vorbereitungen zur Gründung der „Deutschen Friedensgesellschaft" scheint man überhaupt nicht versucht zu haben, Theologen für die Mitarbeit zu gewinnen. Die Kirchen mit ihrem „so bestimmt hereditär-conservativen Charakter" galten offenbar ganz selbstverständlich als Teil der Kräfte, gegen die man sich wandte.

Doch zeigte sich bald, daß einzelne Theologen von sich aus die Gedanken und Forderungen der Friedensbewegung aufnahmen und sie unterstützten. Der früheste Beleg dafür sind zwei Briefe, die ein Kandidat der Theologie 1893 an Bertha v. Suttner richtete. „Ich bin Theologe", schrieb er. „Ich weiß, daß Sie uns nicht sehr hold sind. In Hamburg verstand ich Ihren Widerwillen noch nicht so ganz. Als ich jedoch hier im (Berliner) Dom wiederholt Predigten von Hofpredigern gehört..., da verstand ich Sie schon besser. Ja wahrhaftig, dies patriotische Christentum, wie es heute gepflegt wird, ist ein furchtbarer Hohn auf das Christentum Jesu Christi." Er selbst, fügte der Schreiber hinzu, bekenne sich zu einem konservativen, positiven Christentum. Das hindere ihn jedoch nicht, „im Kampfe für die Sache (des Friedens)" mit Liberalen oder Juden oder Sozialdemokraten gemeinsam tätig zu werden.

Bereits ein Jahr später, 1894, erschien der erste Beitrag zum Thema „Christen und Friedensbewegung", bezeichnenderweise noch unter dem Titel „Der Krieg und die christliche Kirche". Verfaßt von Ernst Böhme (damals Pfarrer in Lobeda, später in Kunitz bei Jena), ist dieser große Aufsatz das erste, theologisch und kirchengeschichtlich begründete Plädoyer für die nachhaltige Unterstützung der Friedensbewegung durch Christen und Kirchen. Von ihnen müsse gefordert werden, so faßte Böhme seine Darlegungen zusammen, daß sie allen „Bestrebungen zum Zwecke des Völkerfriedens mindestens eine freundlich teilnehmende Miene zeigen, daß sie den ihnen zugrunde liegenden Prinzipien ernste Aufmerksamkeit schenken und ... ihre hochwichtigen Tendenzen aufs entschiedenste befürworten ... und verteidigen". Durch Gleichgültigkeit und Zurückhaltung der Friedensarbeit gegenüber würde sich die Kirche schuldig machen – sie habe „ihren Mund laut aufzutun und davon Zeugnis zu geben, daß sie jederzeit nur auf der Seite derer stehen kann, die der Welt zum Frieden verhelfen wollen".

Etwa zu der gleichen Zeit wie Ernst Böhme hatte sich der Stuttgarter Stadtpfarrer Otto Umfrid der „Deutschen Friedensgesellschaft" angeschlossen – ein Mann von großem persönlichem Mut, dynamisch und hochgebildet. Umfrid war von 1900 bis zu seinem Tode im Jahre 1920 Vizepräsident der DFG. Er erwarb sich große Verdienste um die organisatorische Entwicklung und Festigung der bürgerlichen Friedensbewegung in Deutschland. Vor allem aber wurde er einer der anregendsten Theoretiker und Publizisten des deutschen Vorkriegspazifismus (was hier nicht weiter ausgeführt werden kann). Er war tief überzeugt, daß die Arbeit für eine dauerhafte Friedensordnung der Welt nicht eine Sache sei, die Christen tun oder auch lassen könnten, sondern daß es sich dabei um eine zentrale Frage des Bekenntnisses und der Authentizität der Verkündigung handele.

Es war vor allem das Verdienst Umfrids und Böhmes, wenn sich schon vor der Jahrhundertwende in verschiedenen Teilen Deutschlands evangelische Theologen der Friedensbewegung anschlössen. 1895 bestanden 26 Ortsgruppen der DFG, von denen eine von einem Pfarrer geleitet wurde; 1899 hatte sich die Zahl der Ortsgruppen auf 71 erhöht, zu deren Vorsitzenden drei evangelische Geistliche gehörten.

Die meisten Kirchenleitungen beobachteten diese Entwicklung mit Sorge, einige versuchten sie, im Bunde mit den Nationalisten und Militaristen im Keim zu ersticken. Die für die Friedensbewegung tätigen Pfarrer wurden als Irrlehrer und Schwärmer, schlechte Patrioten, gelegentlich auch direkt als Staatsfeinde angeprangert. Gesellschaftlicher Boykott, Diffamierung vor der Öffentlichkeit, gegen sie gerichtete Pressekampagnen und Denunziationen  gehörten bald zu den alltäglichen Erfahrungen, die die „Friedenspfarrer" machen mußten. Dennoch wuchs ihre Zahl stetig. Bis 1907 hatte sich eine Gruppe von evangelischen Geistlichen gebildet, die stark genug war, um eine breiter angelegte, systematische Werbeaktion durchführen zu können. Umfrid, Martin Rade und merkwürdigerweise auch der christlich-soziale Pfarrer Ludwig Weber in Mönchengladbach, ein Führer der evangelischen Arbeitervereine, verfaßten ein Rundschreiben, mit dem sie die Aufmerksamkeit der Theologen „auf eine Bewegung richten" wollten, „die vielleicht wie kaum eine zweite die Unterstützung der deutschen evangelischen Geistlichkeit verdient und leider von ihr bis jetzt recht stiefmütterlich behandelt worden ist, ... die internatio­nale Friedensbewegung". Von den tausend angesprochenen Theologen reagierten etwa 150 positiv, rund hundert Geistliche wurden Mitglieder der DFG.

Berücksichtigt man die Schwierigkeiten, mit denen jeder einzelne wegen dieser Entscheidung rechnen mußte, war dies ein beachtlicher Erfolg. Bezogen auf die Gesamtzahl der Pfarrer in Deutschland und verglichen mit ihrer Vertretung in imperialistischen Parteien und Organisationen war es freilich wenig genug. Die „Deutsche Friedensgesellschaft" war darum in den folgenden Jahren vor allem bestrebt, über schon bestehende Vereinigungen, von denen man meinte, sie verfolgten Ziele, die den eigenen verwandt wären, ihre Forderungen unter den kirchlichen Amtsträgern zu verbreiten.

Darum wurden Verbindungen zum „Kirchlichen Komitee zur Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen England und Deutschland" hergestellt. Aber dessen Arbeit war doch wesentlich anders angelegt als die Arbeit der Pazifisten und jedenfalls mit dieser nicht identisch. So verzichteten sie denn auch nicht auf weitere eigene Aktionen. Perspektivisch am wichtigsten wurden eine Zusammenkunft im Rahmen des V. Weltkongresses für Freies Christentum, der im Sommer 1910 in Berlin durchgeführt wurde, bei der der Problemkreis „Die Religion und der Friede" erörtert wurde (in der Sache war dies die erste wirklich internationale christliche Friedensversammlung), und vor allem der Appell „An die Geistlichen und theologischen Hochschullehrer der evangelischen deutschen Landeskirchen" vom April 1913.

Dieser Appell war ein entschiedener Protest gegen das chauvinistische Getöse, das die Zentenarfeiern der Befreiungskriege begleitete. Das Jubiläum, forderten die sieben Initiatoren des Aufrufes, sollten die Deutschen und sollten vor allem Christen und Kirchen als eine Mahnung verstehen, sich entschlossen gegen die materielle und psychologische Vorbereitung neuer Kriege zu wenden. „Um den Völkerfrieden zu erhalten, so sagt man uns, muß immer angespannter gerüstet werden. Aber die Tatsachen zeigen, daß, da alle Staaten das gleiche tun, die Kriegsgefahr so nicht vermindert wird, weil gerade die immer drückendere Last des bewaffneten Friedens, verschärft durch Haß und Mißtrauen der Völker untereinander, zur blutigen Entscheidung drängen kann ..." Vom Evangelium wäre es geboten, dem Rüstungswahnsinn entgegenzutreten und sich mit aller Kraft einzusetzen für die Herbeiführung eines „internationalen Rechtszustandes ..., der das Gewaltmittel der Waffen ausschaltet". Bedauerlicherweise überließen die meisten Theologen in Deutschland aber „diese praktische Gefolgschaft Jesu Christi der kirchenfremden Sozialdemokratie". Mit der Erklärung wurde den Kirchen also die Arbeiterbewegung als ein Beispiel vor Augen gestellt, das sie zur Besinnung und Nacheiferung anspornen sollte. Das löste lauten und wütenden Widerspruch aus im Lager der Imperialisten, aber auch bei zahlreichen Theologen. Er erreichte seinen Höhepunkt, nachdem sich etwa 400 Pfarrer dem Aufruf angeschlossen hatten. Die christlichen Pazifisten wichen vor diesen Anwürfen nicht einen Schritt zurück, im Gegenteil. Einer der sieben Erstunterzeichner, Pfarrer Hans Francke in Berlin (damals Vorsitzender der Berliner Ortsgruppe der DFG, später ein enger Freund von Emil Fuchs und 1933 als einer der ersten evangelischen Geistlichen von den Faschisten verhaftet), erklärte in einer scharfen Polemik mit General Litzmann fünf Monate vor Ausbruch des ersten Weltkrieges – dem gleichen General Litzmann, der anderthalb Jahrzehnte später als Hitlers Gefolgsmann Mitglied des Deutschen Reichstages wurde: „Für uns Pfarrer hat diese Berührung (mit der Arbeiterbewegung und ihrer Partei) nichts Bedenkliches ... Wir haben ihr Verdienst anzuerkennen, wo sie solches haben, und haben uns selbst und unseren Freunden Buße zu predigen, wo wir uns von jenen beschämen ließen." Die christlichen Pazifisten wären davon überzeugt, daß die Arbeiterbewegung sich „ein unbestreitbares Verdienst auf dem Gebiet der internationalen Völkerverständigung erworben" hätte, „ein Verdienst, dem nachzustreben die kirchlichen Verständigungskomitees der verschiedenen Länder jetzt endlich langsam anfangen".

Die Bedeutung des „klassischen Pazifismus" für die Anfänge christlicher Friedensarbeit auch in Deutschland war groß. Die von ihm inspirierten Theologen und anderen Glieder christlicher Gemeinden verstanden ihre besondere Arbeit vor 1914 aber immer als einen Beitrag zur Qualifizierung und Stärkung einer einheitlichen Friedensbewegung. Sich darauf zu besinnen, ist auch von beträchtlicher aktueller Bedeutung. Die vom „klassischen Pazifismus" getragene Opposition gegen Militarismus und Imperialismus vor dem ersten Weltkrieg verdient es, um ihrer selbst willen der Vergessenheit entrissen und gerecht beurteilt, das heißt von Fehlinterpretationen und Mißverständnissen entlastet zu werden. Darüber hinaus aber erleichtert die Besinnung auf dieses Erbe es den nichtproletarischen Friedenskräften, sich eng mit den sozialistischen Friedenskräften zu verbünden. Solche Besinnung kann auch dabei helfen, einen abstrakten, unpolitischen und metaphysischen, auf Wehrdienstverweigerung reduzierten sogenannten „Pazifismus" zu überwinden, der heute ein ernstes Hindernis bildet, um ein dauerhaftes Bündnis zwischen sozialistischen und nichtsozialistischen Friedenskräften zu schaffen – für den Kampf gegen gemeinsame Feinde und für ein gemeinsames politisches Ziel: die friedliche Koexistenz und eine auf Verträgen und Vertrauen beruhende dauerhafte Friedensordnung der Welt.

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© Thomas Hans-Otto Bredendiek
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